// Startseite
| De Standaard |
| +++ Sportzeitung für Belgien +++ |
|
|
|
Es gibt Spiele, die beginnen mit einem Feuerwerk - und enden mit einem Funkenregen der Ernüchterung. Das Duell zwischen Excelsior Vorst und Club Lüttich am 17. Spieltag der 1. Liga Belgien gehörte zweifellos in diese Kategorie. 43.905 Zuschauer im ausverkauften Stadion erlebten eine Partie, die von Vorst lange dominiert, aber von Lüttich eiskalt entschieden wurde. Am Ende stand ein 1:3 (1:1), das mehr über Cleverness und Kaltschnäuzigkeit aussagt als über Ballbesitzstatistiken. Schon nach 19 Minuten wurde klar, dass Lüttichs Offensivabteilung an diesem Abend wenig Zeit für Höflichkeiten hatte. Joaquin Garcia, der flinke Rechtsaußen mit dem Temperament eines Espresso-Doppels, traf nach Vorarbeit des jungen Guillaume Tillman zum 0:1. "Ich hab nur geschossen, weil ich dachte, der Schiri pfeift gleich ab", grinste Garcia später verschmitzt. Trainer Dan Schmitz kommentierte trocken: "So sieht’s aus, wenn man die Konter trainiert - und nicht nur drüber redet." Vorst zeigte sich unbeeindruckt und antwortete mit wütenden Angriffen. 15 Torschüsse in 90 Minuten, allein vier in den ersten 15 - das klingt nach Dominanz, fühlte sich aber wie Pech an. Immer wieder scheiterten Romain Tilleman und Olivier Deyaert am starken Lütticher Schlussmann Florent Van Achte. In der 45. Minute brach Deyaert dann endlich den Bann: Nach feinem Zuspiel von Martin Figo drosch er den Ball aus spitzem Winkel ins Netz. 1:1 - kurz vor der Pause, das Stadion bebte, Bier schwappte, und Trainer Daniel Stapfer riss die Arme hoch, als würde er gleich die Meisterschale entgegennehmen. "Wenn wir so weiterspielen, holen wir das", rief er in Richtung seiner Bank. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn das Schicksal sich an Drehbücher hielte. Nach dem Seitenwechsel kam Lüttich frischer, entschlossener und vor allem: effizienter aus der Kabine. In der 65. Minute schlug Benjamin Van de Perre zu, nach einem langen Ball von Innenverteidiger Antoine Schelfaut. Van de Perre nahm den Ball mit der Brust an, ließ den Verteidiger ins Leere laufen und traf trocken ins Eck - 1:2. Nur eine Minute später sah Vorsts Rechtsverteidiger Tristan Verbeke Gelb-Rot, nachdem er den Torschützen rustikal aus dem Spiel genommen hatte. "Ich wollte nur den Ball treffen. Leider war der Ball schon weg", erklärte er hinterher mit einem Achselzucken. Mit einem Mann weniger wurde es für Vorst schwer. Stapfer brachte den jungen Torhüter Clément Panis (70.) und später noch Romain Van Bocxlaer, doch die frische Energie verpuffte. Stattdessen setzte Lüttich in der 80. Minute den Deckel drauf: Milan Jendrisek schob nach feiner Vorarbeit von Van de Perre zum 1:3 ein. Der Jubel im Gästeblock war ohrenbetäubend - und Jendrisek rief Richtung Trainerbank: "Sag, dass ich’s dir gesagt hab!" Schmitz grinste später: "Er hat’s mir tatsächlich gesagt - dreimal." Statistisch gesehen hätte Vorst das Spiel nicht verlieren müssen. Mehr Schüsse (15 zu 10), mehr gewonnene Zweikämpfe (52 Prozent) und phasenweise druckvolleren Fußball. Doch Lüttich hatte eben jene Abgeklärtheit, die man nicht trainieren kann. Ballbesitz? 55 Prozent für die Gäste. Nervenstärke? 100 Prozent. Am Spielfeldrand sah man Stapfer nach Abpfiff minutenlang mit verschränkten Armen stehen. "Wir haben alles versucht, aber wir haben’s verschenkt", murmelte er in die Mikrofone. Deyaert hingegen fand mildere Worte: "Manchmal ist Fußball eben wie ein schlechter Witz - du lachst, obwohl du weinen willst." Schmitz hatte das letzte Wort des Abends: "Wir haben unser Spiel gespielt, auch wenn’s nicht schön war. Aber schön ist was für die Galerie, Punkte sind für die Tabelle." Und so ging ein Abend zu Ende, der für Vorst wie eine Lehrstunde in Effizienz wirkte. Lüttich nahm drei Punkte mit, Vorst den Frust - und vielleicht die Erkenntnis, dass Ballbesitz keine Garantie für Glück ist. Oder, um es mit dem trockenen Kommentar eines Fans auf der Tribüne zu sagen: "15 Schüsse, ein Tor - das ist wie 15 Dates und einmal Händchenhalten." Man kann’s so sehen. Oder man nennt es einfach Fußball. 12.12.643999 15:35 |
Sprücheklopfer
Die Entscheidungen, die ich treffe, sind immer richtig.
Otto Rehhagel