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Ein lauer Abend im Januar, 47.700 Zuschauer und ein Spiel, das die komplette Bandbreite zwischen Euphorie, Ärger und ungläubigem Kopfschütteln bot: Der FC Antwerpen verliert zum Auftakt der Conference-League-Gruppenrunde mit 2:3 gegen Blau-Weiss Luzern - und das, obwohl die Belgier zur Pause schon wie der sichere Sieger wirkten. Die Hausherren starteten forsch, fast übermotiviert. Theagenis Kyrgiakos prüfte den Luzerner Keeper Rauch schon in der sechsten Minute, und Trainer Fabrillio Fabio rieb sich zufrieden die Hände. "Wir wollten zeigen, dass wir hier die Musik machen", sagte er später mit einem schiefen Grinsen. Und tatsächlich: Antwerpen hatte 57 Prozent Ballbesitz, spielte ruhig von hinten heraus und suchte geduldig die Lücke. Die fand Kyrgiakos in der 39. Minute - nach Vorlage von Alexander Saprykin drosch der Grieche den Ball humorlos in den Winkel. 1:0, die Tribünen bebten, Rauch schaute nur hinterher. Doch kaum hatte der Stadionsprecher den Torschützen verkündet, da schlug Luzern zurück. Zwei Minuten später zirkelte Julien Achard den Ball nach feinem Doppelpass mit Dylan Bosworth ins Netz - 1:1. "Wir haben kurz vergessen, dass man nach einem Tor auch noch verteidigen muss", knurrte Antwerpen-Verteidiger Guillaume Hoenaert, der sich kurz darauf mit einem eigenen Treffer rehabilitierte. In der 44. Minute rauschte er nach einem Freistoß von Bosingwa heran und köpfte zum 2:1 ein. Antwerpen jubelte, Luzern schimpfte, und Trainer Reinhard Wild verschwand zur Halbzeit mit rotem Kopf in der Kabine. Was der Mann dort sagte, bleibt sein Geheimnis - aber es muss gewirkt haben. Blau-Weiss kam wie verwandelt aus der Pause. Keine fünf Minuten nach Wiederanpfiff sprintete Pierre Gramont über rechts, flankte mit chirurgischer Präzision, und Robert Locklear drückte den Ball zum 2:2 über die Linie. "Ich hatte das Gefühl, der Ball wollte einfach rein", grinste Locklear später, das Knie noch bandagiert - er musste in der 77. Minute verletzt vom Platz. Antwerpen wirkte danach fahrig. Zwar blieben sie das aktivere Team, mit 15 Abschlüssen gegenüber 12 der Gäste, doch die Präzision fehlte. Tim Goosens schoss in der 70. Minute aus bester Position über das Tor, Kyrgiakos donnerte kurz darauf an den Pfosten. Und als alles auf ein gerechtes Remis hinauslief, kam der Luzerner Lucky Punch: In der 94. Minute flankte der eingewechselte Daniel Barros von links, und Stürmer Robert Mantovani stieg höher als alle anderen - 3:2! Stille im Stadion, Jubel bei den Schweizern, die Bank stürmte das Feld. Trainer Wild, eben noch unter Druck, wurde plötzlich zum Heiligen von Luzern. "Wir haben einfach weitergemacht. Die Jungs haben Charakter gezeigt", sagte er, während sein Gegenüber Fabio in die Luft starrte. Der murmelte nur: "Fußball ist manchmal grausam. Heute war’s ein Lehrfilm darüber." Statistisch gesehen hatte Antwerpen alles in der Hand - mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote (51,6 Prozent) und eine taktisch disziplinierte Vorstellung. Doch Luzern, offensiv ausgerichtet und mit langen Pässen ständig gefährlich, nutzte seine wenigen Momente eiskalt. "Wir spielen auf den Flügeln, weil wir dort Spaß haben", witzelte Wild und prostete einem Journalisten mit Wasser zu. Nach dem Schlusspfiff blieb eine Antwerpener Mannschaft zurück, die sich fragte, wie man ein solches Spiel verlieren kann. Im Kabinengang hörte man Kyrgiakos leise fluchen: "94. Minute… das gibt’s doch nicht." Fabrillio Fabio klopfte ihm auf die Schulter: "Kopf hoch, Thea. In Luzern holen wir’s zurück." Blau-Weiss dagegen feierte ausgelassen. Der verletzte Locklear humpelte mit einer Fahne über den Rasen, Mantovani wurde in der Kabine angeblich mit einem improvisierten Ständchen geehrt - ohne Noten, aber mit viel Herz. Am Ende bleibt ein Spiel, das die Regeln des Fußballwahnsinns perfekt illustrierte: Wer Chancen vergibt, bekommt die Quittung spät. Und manchmal, so scheint’s, haben selbst 57 Prozent Ballbesitz keine 57 Prozent Glück. Fazit des Abends? Antwerpen spielte wie ein Orchester mit falschem Dirigenten, Luzern wie eine Rockband mit kaputtem Verstärker - laut, unberechenbar, aber erfolgreich. 29.03.643987 12:07 |
Sprücheklopfer
Wenn ich über das Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er.
Berti Vogts