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Es war ein Abend, an dem die "Manchester Blues" dachten, sie hätten alles im Griff - und am Ende doch nur den Griff ins Leere fanden. 2:3 hieß es nach 90 atemlosen Minuten gegen den FC Millwall, der zwar weniger Ballbesitz (50,9 % zu 49,1 %) hatte, aber dafür 19 Torschüsse abfeuerte - fast schon Belagerungszustand für Torwart Knud Gruber. Dabei begann alles so verheißungsvoll für die Gastgeber. Schon in der 12. Minute ließ Yannik Gancarczyk das Stadion erbeben: Der 21-Jährige jagte den Ball nach feiner Vorarbeit von Bradley Thuringer ins rechte Eck, als hätte er nie etwas anderes getan. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Gancarczyk später - und man nahm es ihm sofort ab. 36.532 Zuschauer jubelten, Bierbecher flogen, und Trainer Daniel Kontsch nickte zufrieden. Millwall dagegen wirkte zunächst wie der ungebetene Gast, der sich am Buffet nicht zurechtfindet - viel Bewegung, aber wenig Effekt. Doch Trainer Sonny Crocket, in seinem weißen Mantel so cool wie ein Londoner Polizist aus den 80ern, blieb ruhig. "Wir wussten: Wenn wir den Blues die Flügel stutzen, kippt das Spiel", erklärte er später - und genau das tat seine Mannschaft. Direkt nach Wiederanpfiff, kaum hatten einige Fans ihre Sitzplätze wiedergefunden, traf Rechtsverteidiger Bradley Crichton (46.) zum Ausgleich. Ein Distanzschuss, der in seiner Präzision so gar nicht nach Abwehrspieler aussah. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Crichton lachend - und alle im Presseraum glaubten ihm. Nur fünf Minuten später drehte Joseph Lockwood die Partie (51.). Eine butterweiche Vorlage von Noah Clancy, ein trockener Abschluss - 1:2. Die Blues schwankten, das Publikum murmelte, und auf der Trainerbank wurde hektisch gestikuliert. Kontsch fluchte, wedelte mit der Taktiktafel und brüllte: "Kurze Pässe, Männer, keine Postzustellung!" - doch Millwall ließ sich nicht mehr beirren. Die Gäste spielten hart, manchmal zu hart: Gelb für Davonport (68.) und Satchmore (70.) waren nur die sichtbaren Zeichen einer robusten Gangart. Trotzdem blieb Millwall das gefährlichere Team. Während Gruber eine Parade nach der anderen zeigte, kam von den Blues nur noch sporadisches Aufbäumen. Dann plötzlich Hoffnung: Ein satter Linksschuss von Linksverteidiger Kian Dewey (74.), der den Ball aus vollem Lauf unter die Latte setzte - 2:2. "Ich dachte, der Ball fliegt auf den Parkplatz", scherzte Dewey später. Doch kaum hatte das Stadion wieder Atem geschöpft, kam die nächste kalte Dusche. In der 81. Minute kombinierte sich Millwall noch einmal über rechts durch, Clancy flankte präzise, und Joel Satchmore - ja, derselbe Satchmore mit der Gelben Karte - köpfte den Ball unhaltbar ins Netz. 2:3, und diesmal war der Widerstand der Blues endgültig gebrochen. Trainer Kontsch wirkte nach Abpfiff wie ein Mann, der den falschen Film gesehen hat. "Wir haben 49 Prozent Ballbesitz, das ist praktisch Gleichstand", sagte er, "aber Millwall hatte einfach mehr Biss. Und 19 Torschüsse sind kein Zufall." Neben ihm grinste Crocket breit: "Unsere Jungs haben heute gezeigt, dass Flügelspiel nicht alles ist - manchmal reicht auch ein rechter Verteidiger mit Schusslaune." Die letzten Minuten brachten noch zwei Wechsel bei Millwall: Satchmore und Davonport durften nach ihren intensiven Auftritten (und Verwarnungen) runter, Bloomfield und Corey übernahmen. Doch das Spiel war längst entschieden. Der FC Millwall verteidigte mit Pressing und purer Willenskraft, als hinge der Saisonstart davon ab - was ja auch irgendwie stimmte. Am Ende stand ein Sieg, der in seiner Konsequenz kaum zu leugnen war: Millwall effizient, bissig, mit klarer Linie; Manchester bemüht, aber ideenlos. Die Blues hatten sechs Torschüsse, zwei Treffer - kein schlechtes Verhältnis, aber in einem Spiel mit 19 gegnerischen Abschlüssen schlicht zu wenig. "Wir wollten zu sehr schön spielen", analysierte Gancarczyk nachdenklich. "Manchmal muss man eben schmutzig gewinnen." - "Oder wenigstens schmutzig unentschieden spielen", ergänzte sein Mitspieler Thuringer augenzwinkernd. So blieb es bei einem Auftakt, der den Blues noch lange in den Ohren klingeln dürfte. Millwall dagegen fährt mit drei Punkten im Gepäck nach Hause - und mit der Gewissheit, dass man auch in Manchester gewinnen kann, wenn man nur oft genug aufs Tor schießt. Und irgendwo auf der Tribüne soll ein Fan der Blues gemurmelt haben: "Na ja, wenigstens war’s unterhaltsam." - Recht hat er. Denn wer an diesem Abend Langeweile suchte, war definitiv im falschen Stadion. 29.05.643990 23:36 |
Sprücheklopfer
Dies kann ein Nachteil oder ein Vorteil sein, sowohl für uns als auch für die gegnerische Mannschaft.
Erich Ribbeck über die aufgeladene Atmosphäre vor einem Länderspiel in der Türkei