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Es war ein frostiger Freitagabend im Auestadion, doch 4066 Zuschauer wurden dafür mit einem dieser Spiele belohnt, die man später mit einem leicht fröstelnden Grinsen als "typisch Fußball" in Erinnerung behält. KSV Kassel und der SV Linx trennten sich am 21. Spieltag der Regionalliga A 2:2 (0:0) - und das trotz, oder vielleicht gerade wegen, einer zweiten Halbzeit, die man besser mit Sicherheitsgurt und Herztabletten erlebt hätte. In der ersten Hälfte passierte, gelinde gesagt, herzlich wenig. Kassel hatte leicht mehr Ballbesitz (52 Prozent, aber wer zählt das schon?), Linx lauerte geduldig auf Konter. Die Zuschauer wärmten sich eher mit Glühwein als mit Torchancen auf. Ein früher Schuss von Kassels Theo Greenwald (7.) landete direkt in den Armen von Linx-Keeper Oscar Haase, während Linx-Youngster Christian Stein mit jugendlichem Übermut zweimal aus der Distanz draufhielt - und zwei Mal verfehlte. "Ich wollte zeigen, dass ich mich was traue", sagte der 17-Jährige später mit einem Grinsen und den roten Wangen eines Schülers nach der Doppelstunde Sport. Dann kam die zweite Halbzeit, und plötzlich erinnerte nichts mehr an die ersten 45 Minuten. In der 53. Minute war es Aldo Morelli, Kassels italienischer Linksaußen mit dem Temperament eines Espresso-Doppels, der nach feiner Vorarbeit von Theo Greenwald trocken ins rechte Eck einschob. 1:0 - endlich Leben in der Bude. Morelli riss die Arme hoch, der Stadionsprecher überschlug sich, und Trainerbank wie Tribüne glaubten schon, das Spiel würde nun seinen erwarteten Lauf nehmen. Doch kaum war der Jubel verklungen, stellte Linx die Verhältnisse auf den Kopf. Nur drei Minuten später nutzte der 18-jährige Detlev Miller eine Unaufmerksamkeit in der Kasseler Hintermannschaft. Nach einem Pass des erfahrenen Innenverteidigers Hermann Grimm stand er goldrichtig und schob eiskalt ein - 1:1. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball durchkommt", sagte Miller, "und dann war’s wie in Zeitlupe - nur dass ich diesmal getroffen hab." Die Gäste bekamen Oberwasser, und in der 67. Minute setzte Mark Fritsch noch einen drauf. Der flinke Rechtsaußen, der schon in der ersten Halbzeit auffällig war, traf nach Zuspiel von Jan Hermann aus rund 20 Metern - Flachschuss, unhaltbar. 2:1 für Linx, und Kassel taumelte. "Da hab ich kurz gedacht: Das war’s", gab Kassels Trainer nach dem Spiel offen zu. "Zum Glück hat Aldo andere Pläne gehabt." Denn Morelli war noch nicht fertig. In der Nachspielzeit, als viele Zuschauer schon überlegten, wie lange sie wohl an der Haltestelle frieren müssten, kam der große Auftritt des Stürmers. Hans Böhme chippte den Ball von der Strafraumkante, Morelli stieg hoch, nahm ihn artistisch mit der Brust an und drosch ihn volley unter die Latte. 2:2 - das Stadion explodierte. "Ich wollte einfach Spaß haben", grinste Morelli später und zog die Kapuze über den Kopf, "und wenn’s geht, den Torwart erschrecken." Statistisch war das Remis gerecht: 13 Torschüsse der Linxer standen 11 Kasseler gegenüber, die Zweikampfquote lag fast pari (49,9 zu 50,1 Prozent). Linx hatte mit einem Hauch mehr Zielstrebigkeit die Partie zwischenzeitlich im Griff, während Kassel mehr Initiative zeigte, aber oft an der engmaschigen Abwehr des Gegners scheiterte. Linx-Trainer Michal Dickschat wirkte trotz des späten Ausgleichs erstaunlich gefasst: "Natürlich ärgert man sich, wenn man so spät den Sieg herschenkt. Aber ehrlich: Wenn du in Kassel spielst und die letzten Minuten so überstehst, kannst du auch mal Danke sagen." Im Kasseler Lager dagegen überwog die Erleichterung. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", meinte Kapitän Hans Böhme und klopfte Morelli auf die Schulter. "Und Aldo… na ja, der trinkt heute Abend sicher keinen Espresso mehr, der braucht was Stärkeres." Als die Flutlichter erloschen, blieb ein Gefühl zwischen Stolz und Frust zurück - bei beiden Teams. Kassel rettet mit viel Moral einen Punkt und Linx beweist, dass man auch mit jungen Wilden wie Miller und Stein in dieser Liga für Furore sorgen kann. Oder, wie ein älterer Kassel-Fan beim Verlassen des Stadions meinte: "Wenn’s immer so aufregend ist, soll’s mir recht sein - aber mein Herz macht das nicht ewig mit." Ein Satz, der diesen Fußballabend wohl am besten zusammenfasst. 19.09.643987 02:54 |
Sprücheklopfer
Als ich zuletzt Sergio in Eurosport gesehen habe, dachte ich mir auch nur: Das kann er nicht sein, da muss sich einer maskiert haben.
Rainer Calmund