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Ein torloses Unentschieden kann langweilig sein - muss es aber nicht. Der 0:0-Abend zwischen Pommern Stralsund und dem VfB Speldorf am 5. Spieltag der Regionalliga C war ein Paradebeispiel dafür, wie man ohne Tore trotzdem für Gesprächsstoff sorgt. 4400 Zuschauer im frostigen Stralsunder Stadion sahen ein Spiel, das weniger an ein Fußballfest erinnerte als an ein Schachduell mit Grätschen. Von Beginn an war klar, dass die Hausherren auf Kampf und Kompaktheit setzten. "Wenn wir schon nicht zaubern können, dann sollen die anderen wenigstens nicht tanzen", lachte Stralsunds Trainer Dennis Koch vor dem Anpfiff - und seine Spieler hielten Wort. Bereits nach 17 Minuten sah Innenverteidiger Hans Sauer Gelb, weil er Speldorfs Ethan Gallagher zu deutlich zeigte, dass hier kein Platz für filigrane Ballartistik ist. Speldorf übernahm früh das Kommando, hatte am Ende satte 54 Prozent Ballbesitz und 12 Torschüsse - das Vierfache der Gastgeber. Besonders aktiv: Gallagher, der allein fünfmal den Abschluss suchte, aber jedes Mal an Stralsunds Torwart Brent Van Kerckhove scheiterte. Der 45‑jährige Routinier im Tor war der Fels in der Ostseebrandung. Nach dem Spiel grinste er: "Ich hab’ schon Stürmer gesehen, die jünger waren als meine Handschuhe - und genauso weich geschossen haben." Pommern kam nur sporadisch in die gegnerische Hälfte. Ein früher Distanzversuch von Jens Sack in der ersten Minute weckte kurz Hoffnung, doch danach war der Heimangriff so harmlos wie ein lauwarmer Ostseewind. Filippo Guardavalle prüfte Speldorfs Keeper Stephan Karl in der 59. Minute mit einem Flachschuss - der einzige Moment, in dem die Speldorfer Bank kurz das Atmen vergaß. "Wir haben’s versucht, aber der Ball wollte einfach nicht rein", erklärte Speldorf‑Trainer Jakob Meier hinterher mit leicht resigniertem Lächeln. Tatsächlich hatte seine Mannschaft alles im Griff, nur eben nicht die Torlinie. Mal ging Gallaghers Schuss knapp vorbei, mal stand Stralsunds Abwehrchef Sauer im Weg, und einmal rettete gar der Pfosten nach einem Versuch von Giulio Fili in der 35. Minute. Die Schlussphase wurde dann ruppiger. Enrique Castano, der 39‑jährige Rechtsverteidiger, holte sich in der 74. Minute die nächste Gelbe Karte ab. "Er wollte nur den Ball treffen - der Ball war halt schon weg", kommentierte Trainer Koch trocken. Auf der anderen Seite kassierte Speldorfs Erik Bergmann kurz vor Schluss ebenfalls Gelb, offenbar aus Sympathiegründen. Das Publikum honorierte den Einsatz beider Teams mit ehrlichem Applaus. In der 85. Minute hätte es sogar fast noch ein Happy End für die Stralsunder gegeben, als Carl Moutinho aus 20 Metern abzog. Doch wieder flog Stephan Karl - elegant wie ein Seehund auf Glatteis - und lenkte den Ball aus dem Eck. Statistisch betrachtet war Speldorf klar überlegen: mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote (56 Prozent). Doch Fußballstatistiken sind bekanntlich wie Schönwetterprognosen im April - sie sagen nicht immer die Wahrheit. Stralsund verteidigte mit Herz, Mut und einer Portion Glück. "Das war ein Punkt der Moral", befand Koch anschließend, während Meier kopfschüttelnd meinte: "Wenn wir noch eine Stunde gespielt hätten, hätten wir wahrscheinlich trotzdem kein Tor gemacht." Taktisch gaben sich beide Trainer keine Blöße. Beide Teams begannen und beendeten das Spiel in einer ausgewogenen 4‑4‑2‑Ausrichtung mit balanciertem Angriffsspiel - so stabil wie unaufregend. Pressing? Fehlanzeige. Beide Seiten verzichteten weitgehend auf frühes Stören, was das Spiel phasenweise aussehen ließ wie eine gepflegte Trainingspartie mit Zuschauerbeteiligung. Nach dem Schlusspfiff klopften sich die Spieler gegenseitig ab, als hätten sie gerade gemeinsam eine schwere Matheklausur bestanden. Keine Siegerpose, kein Theater - nur ehrliche Erschöpfung. "Manchmal ist ein 0:0 das gerechteste Ergebnis überhaupt", sagte Stralsunds Mittelfeldmann Moutinho, "auch wenn keiner dafür Eintritt zahlen will." So bleibt Pommern Stralsund nach fünf Spieltagen im Tabellenmittelfeld, während Speldorf weiter auf den ersten Auswärtssieg wartet. Für Fußballästheten war es kein Leckerbissen, aber für Freunde ehrlicher Handarbeit ein Fest der kleinen Momente: ein Tackling hier, ein Reflex da - und viel, sehr viel Luft nach oben. Fazit des Abends? Kein Tor, kein Glanz, aber jede Menge Geschichten. Und vermutlich hat sich Torwart Van Kerckhove danach gedacht: "Wenn’s drauf ankommt, bin ich halt der älteste Grund, warum’s 0:0 ausgeht." 06.03.643987 12:35 |
Sprücheklopfer
Wir werden uns zu einer Krisensitzung zusammensetzen, weil wir nur 4:2 gegen den VfB gewonnen haben.
Oliver Kahn