Haaretz Sports
+++ Sportzeitung für Israel +++

Nullnummer mit Herz, Kampf und einer ordentlichen Portion Ironie

Ein 0:0 kann vieles sein - langweilig, gerecht, unverdient oder, wie am Samstagabend in Ramat Gan, eine spektakuläre Abfolge verpasster Gelegenheiten. Die Ramat Gan Reds und die Raanana Reds trennten sich torlos, aber wer sich von nackten Zahlen täuschen lässt, hat das Spiel wohl nicht gesehen. 54.329 Zuschauer erlebten 90 Minuten Dauerfeuer, Verzweiflung und einen Torwart, der offenbar beschlossen hatte, heute einfach alles zu halten.

Von Beginn an war klar, wer hier das Kommando übernehmen wollte. Trainer John Porno hatte seine Ramat Gan Reds offensiv eingestellt - und das war keine leere Floskel. Schon nach drei Minuten prüfte Xabier Nene den gegnerischen Keeper Mordechai Sahar mit einem Schuss, der so laut im Stadionnetz zischte, dass ein älterer Herr in Reihe 12 reflexartig "Tor!" brüllte, nur um sich Sekunden später für seine voreilige Freude zu entschuldigen.

Nene blieb der auffälligste Mann auf dem Platz. In der 15., 25., 30., 86., 87. und 90. Minute - ja, man kann es kaum glauben - versuchte er es immer wieder. Seine Kollegen begannen irgendwann zu scherzen: "Wenn Xabier heute trifft, schmeißen wir ihn vom Platz, damit’s nicht noch passiert", grinste Kapitän Agustin Ibano nach dem Spiel. Nur getroffen hat Nene eben nicht.

Zwischenzeitlich probierte es auch der junge Deniz Undav, der gleich fünfmal gefährlich vor dem Tor auftauchte, aber entweder an Sahar oder den eigenen Nerven scheiterte. In der 20. Minute klatschte sein Schuss an den Pfosten, in der 83. hielt Sahar mit einem Reflex, der eines Handballtorwarts würdig gewesen wäre. "Ich habe einfach gehofft, dass er den Ball auf mich schießt - und genau das hat er getan", sagte Sahar hinterher trocken.

Auf der anderen Seite verteidigten die Raanana Reds clever und mit einem Hauch Stoizismus. Levi Ackerman, ihr Trainer, stand meist mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, als wolle er sagen: "Genau so hab ich’s geplant." Seine Mannschaft lauerte auf Konter, und tatsächlich waren es Menachem Shitrit und Moshe Tabenkin, die in der 59. und 61. Minute kurz für Herzklopfen beim heimischen Publikum sorgten. Doch Otto Uggla im Tor der Gastgeber blieb stabil - und ruhig. "Ich hatte heute nicht viel zu tun, aber wenn, dann wollte ich wenigstens gut aussehen", grinste er später in die Kameras.

Die Statistik spricht Bände: 17 Torschüsse für Ramat Gan, nur 5 für Raanana, Ballbesitz fast ausgeglichen. Mehr Aufwand kann man kaum betreiben, um keinen Treffer zu erzielen. In der 64. Minute musste Massimiliano Di Paolo verletzt raus - ein kleiner Schockmoment, den Trainer Porno mit der Einwechslung von Ibano überbrückte. "Massi hat sich am Oberschenkel verhoben - keine Sorge, nichts Dramatisches", beruhigte der Coach hinterher. "Aber vielleicht war das die einzige Szene heute, bei der wir wirklich ins Ziel getroffen haben - die Massagebank."

Kurz vor Schluss versuchten die Ramat Gan Reds alles. Stephane Lenz drosch in der 79. Minute einen Ball aus 25 Metern knapp übers Tor, Xabier Nene ließ noch zwei Mal die Latte erzittern, und Vitor Godinez prüfte in der 88. Minute noch einmal die Reaktionsfähigkeit von Sahar. Der blieb unbeeindruckt.

Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus - und einem gewissen ironischen Unterton. "Wir haben 90 Minuten auf ein Tor gewartet, aber immerhin war’s ein schönes Warten", sagte ein Fan beim Hinausgehen, während ein anderer ergänzte: "Vielleicht sparen sie sich die Tore ja fürs Derby nächste Woche auf."

Trainer John Porno versuchte, das Positive zu sehen: "Wenn du 17 Mal schießt und nicht triffst, kannst du dich ärgern - oder stolz sein, dass du 17 Mal in die richtige Richtung gezielt hast. Wir nehmen das Zweite."

Sein Gegenüber Levi Ackerman nickte anerkennend: "Ramat Gan hat uns eingeschnürt, aber wir haben gekämpft wie Stiere. Und am Ende ist ein Punkt ein Punkt."

Ein Spiel ohne Tore, aber mit reichlich Geschichten. Es gibt Begegnungen, die man schnell vergisst - und solche, bei denen das Ergebnis zweitrangig ist. Dieses 0:0 war Letzteres: ein wilder Tanz ohne Rhythmus, ein Feuerwerk ohne Knall. Aber immerhin eines, bei dem keiner einschlief.

Und wer weiß - vielleicht war’s das Vorspiel zu einem Torfestival in der nächsten Woche. Vorausgesetzt, Nene hat bis dahin seinen Zielvisier richtig eingestellt.

23.11.644002 00:25
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Klaus Toppmöller
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