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Es gibt Spiele, bei denen das Ergebnis eine Nebensache ist - und dann gibt es Spiele, bei denen das Ergebnis schlicht das Einzige ist, was sich lohnt zu merken. Das 0:0 zwischen dem FC Wusterwitz und Rot-Weiß Halle am 31. Spieltag der Regionalliga B war ein solcher Fall. 5751 Zuschauer sahen ein Duell zwischen David und Goliath, nur dass David diesmal den Schild polierte, anstatt mit der Schleuder zu zielen. Von Beginn an zeigte sich, wer hier den Ball liebte - und wer ihn nur gelegentlich besuchen durfte. Halle kombinierte, dribbelte, flankte und schoss, als gäbe es Punkte für Ästhetik. Ganze 18 Schüsse aufs Tor standen am Ende für die Gäste in der Statistik, während Wusterwitz mit drei mageren Versuchen eher die Minimalismusabteilung vertrat. Aber was nützen 61 Prozent Ballbesitz, wenn am Ende das Netz unberührt bleibt? Bereits in der zweiten Minute prüfte Halles Rechtsaußen Xavier Alvaro den jungen Wusterwitzer Keeper Phillip Zimmermann - der 18-Jährige flog, als ginge es um die Meisterschaft, und kratzte den Ball aus dem Winkel. "Ich dachte kurz, der Ball sei durch, aber dann hörte ich nur dieses *Wusch* neben meinem Ohr", grinste Alvaro später und klopfte dem Torwart anerkennend auf die Schulter. Wusterwitz verteidigte mit Leidenschaft, manchmal auch mit leichter Verzweiflung. Als Rot-Weiß’ Nelio Meira in der 20. Minute nach einem rustikalen Zweikampf Gelb sah, kommentierte Trainer Luis Muriel trocken: "Wenn wir schon keine Tore schießen, dann wenigstens Farbe ins Spiel bringen." Der Wusterwitzer Ralf Meiser wollte nicht nachstehen und holte sich neun Minuten später ebenfalls eine Verwarnung ab - wohl um die Kartenstatistik auszugleichen. In der 16. Minute durften die Heimfans einmal kurz die Luft anhalten: Stephan Werner zog aus halblinker Position ab, doch Halles Keeper Niclas Rose, kaum älter als ein Fahrschüler, fischte das Leder seelenruhig aus der Ecke. Danach war es wieder Halle, Halle, Halle. Daniel Brun, Alberto del Olmo, Xavier Alvaro - Namen, die der Stadionsprecher bald im Schlaf aufsagen konnte, so häufig hatten sie den Abschluss gesucht. "Wir wollten offensiv spielen", erklärte Wusterwitz-Coach Tom Fritz hinterher, "aber irgendwann merkten wir, dass das nur funktioniert, wenn wir auch mal den Ball haben." Sein Gegenüber Muriel, stets ein Freund des gepflegten Understatements, konterte: "Wir haben alles versucht - nur getroffen haben wir nicht. Vielleicht war das Tor heute auf Dienstreise." Nach der Pause das gleiche Bild: Halle mit Druck, Wusterwitz mit Herz. Zimmermann wuchs endgültig über sich hinaus, als er in der 47. und 48. Minute gleich zweimal gegen del Olmo parierte. Auf der Tribüne hielt selbst der sonst stoische Platzwart kurz inne. In der 55. Minute reagierte Fritz und brachte mit den Teenagern Luca Philipp und Finn Roth frische Beine. "Die Jungs sollen sehen, wie sich 90 Minuten Verteidigung anfühlen", witzelte der Trainer später. Doch das Glück blieb auch dem Nachwuchs verwehrt. Kurz darauf humpelte Hanns Konrad nach einem Zweikampf vom Platz - die Diagnose steht noch aus, aber man munkelt, er habe sich beim Dauerlaufen ohne Ball leicht überanstrengt. Die Schlussphase gehörte dann wieder Halle. Brun prüfte in der 86. Minute erneut den Wusterwitzer Keeper, Alvaro setzte zwei Minuten später den Ball Zentimeter am Pfosten vorbei. Auf der Bank hielt Muriel sich den Kopf: "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Vielleicht sollten wir das Tor größer machen." In der Nachspielzeit noch einmal Wusterwitz! Curt Fröhlich setzte zu einem beherzten Schuss an - der erste echte Versuch seit Minuten - und zwang Rose zu seiner einzigen Parade des Abends. Das Stadion tobte, als wäre gerade der Klassenerhalt geschafft. Als Schiedsrichterin Sabine Krauß nach 93 Minuten abpfiff, lagen erschöpfte Wusterwitzer auf dem Rasen, während die Hallenser ratlos in die Nacht starrten. 0:0, aber ein gefühlter Sieg für die Gastgeber. "So ein Punkt schmeckt wie drei", meinte Kapitän Meiser, während er sich von den Fans feiern ließ. Und tatsächlich: Manchmal ist Fußball eben kein Spiel der Tore, sondern der Geschichten. Die von tapferen Abwehrrecken, fliegenden Teenager-Torhütern und Trainern mit Sinn für Ironie. Wusterwitz bleibt zwar unten drin, aber an diesem Abend fühlte sich das 0:0 an wie ein Triumph. Oder, wie ein Zuschauer beim Bierstand sagte: "Heute haben sie wenigstens nix verloren - das ist doch auch mal schön." 21.03.643990 16:00 |
Sprücheklopfer
Speziell in der zweiten Halbzeit haben wir einen guten Tag erwischt.
Andreas Möller