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Ein torloses Unentschieden kann vieles sein - langweilig, nervenaufreibend oder schlicht ungerecht. Das 0:0 zwischen Mlados Sjenica und Crno Belgrad am 8. Spieltag der serbischen 1. Liga war irgendwie alles auf einmal. Vor 37.405 Zuschauern im eiskalten Sjenica-Stadion lieferten sich beide Teams ein Duell, das weniger nach Taktikabhandlung als nach Geduldsspiel roch. Bereits in der siebten Minute setzte Crnos Linksaußen Darko Ergic das erste Ausrufezeichen - ein Schuss wie aus dem Lehrbuch, nur dass Lehrbücher selten den Innenpfosten treffen und dann ins Aus kullern. Trainer Cevo Icvic war da noch frohen Mutes. "Da wusste ich, heute läuft’s", sagte er nach dem Spiel - und grinste, als hätte er einen schlechten Witz erzählt. Denn laufen tat es vor allem in Richtung des Tores von Günther Buchholz, dem Torwart von Mlados. Ganze 18 Torschüsse feuerten die Gäste ab, aber der Mann im Sjenica-Kasten hatte offenbar beschlossen, dass an diesem Abend kein Ball vorbeikommt. Mal mit der Faust, mal mit dem Knie, mal einfach mit purem Instinkt - Buchholz machte aus seinem Strafraum ein Sperrgebiet. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", schnaufte er nach Abpfiff. "Aber wenn die nochmal schießen wollen, sollen sie’s morgen probieren." Mlados selbst kam nur auf fünf Abschlüsse - was rein rechnerisch nicht viel ist, aber immerhin genug, um den Puls der Heimfans kurzzeitig zu heben. Besonders Riley Hunt, der bullige Mittelstürmer, prüfte in der 64. und 72. Minute Crno-Keeper Oscar Warriner, der mit stoischer Ruhe parierte und dabei aussah, als würde er lieber an einem Cappuccino nippen. Crno Belgrad war spielbestimmend, 52 Prozent Ballbesitz sprechen eine klare Sprache. Doch was nützen Prozente, wenn der Ball nicht ins Netz will? Isaac McShane versuchte es gleich mehrfach, in der 10., 11., 40. und 81. Minute - alle Versuche landeten dort, wo sich Sjenicas Verteidiger am wohlsten fühlten: in ihren Beinen. Einziger Farbtupfer in der ersten Halbzeit: die gelbe Karte für Crnos Rechtsverteidiger Hartmut Schmitz nach einem beherzten Einsteigen in der 16. Minute. "Ich wollte nur den Ball treffen", erklärte er später schulterzuckend, "aber der Ball war halt woanders." Kurz vor der Pause reagierte Trainer Icvic und brachte frisches Blut: Der 20-jährige Filip Ergic ersetzte den ausgelaugten Lennard Mann im Mittelfeld, und Petar Stevic kam für den unglücklichen Schmitz. "Ich wollte das Tempo hochhalten", sagte Icvic, "aber Mlados hat einfach alles dichtgemacht. Selbst eine Fliege hätte’s schwer gehabt, da durchzukommen." James Dean - ja, der Trainer von Mlados heißt wirklich so - blieb trotz der Belgrader Druckwellen erstaunlich ruhig an der Seitenlinie. Mit Sonnenbrille und Mantel erinnerte er eher an einen Regisseur als an einen Coach. "Wir wussten, Crno kommt über die Flügel", erklärte er trocken. "Na ja, sie sind gekommen - und wieder gegangen." Das Publikum quittierte jeden geblockten Schuss mit Applaus, als hätte Sjenica gerade ein Tor erzielt. Und als Sven Wiese in der 90. Minute noch einmal mutig abzog, hielt das Stadion kollektiv den Atem an - bis Warriner den Ball sicher pflückte. Danach war klar: Es würde kein Tor mehr fallen, egal, wie sehr man es sich wünschte. Statistisch gesehen hätte Crno Belgrad den Sieg verdient gehabt: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote (55 zu 44 Prozent). Aber Fußball ist keine Excel-Tabelle, und Mlados Sjenica zeigte, dass auch 47 Prozent Ballbesitz reichen, um ein 0:0 wie einen kleinen Triumph zu feiern. "Das war kein schönes Spiel", gab Dean später zu, "aber manchmal ist Hässlichkeit eben auch eine Kunstform." Als der Schlusspfiff ertönte, hob Buchholz beide Arme in den Abendhimmel, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. Darko Ergic dagegen stapfte fluchend vom Platz. "So viele Chancen", murmelte er, "und kein einziger Fehler vom Torwart. Das ist fast unhöflich." Vielleicht war’s kein Spiel für die Geschichtsbücher, aber sicher eins für die Anekdoten. Und für alle, die behaupten, ein 0:0 könne nicht spannend sein: Fragt mal in Sjenica nach. Dort feiern sie gerade den Punktgewinn, als hätten sie Crno Belgrad besiegt - was, wenn man ehrlich ist, gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist. 10.04.643987 09:11 |
Sprücheklopfer
Ich kann nicht sagen, dass ich es nicht gesagt habe, weil ich es gesagt habe.
Mehmet Scholl