Fanatik
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Nullnummer mit Stil: Besiktas und Nevsehir trennen sich 0:0

Ein lauer Maiabend in Istanbul, 24.151 Zuschauer im Vodafone Park, die Sonne ist längst hinter dem Bosporus verschwunden - und doch brannte auf dem Rasen ein kleines Feuerwerk an vertanen Chancen. Am Ende stand ein 0:0 zwischen Besiktas und Nevsehir, das auf dem Papier nach Langeweile klingt, in Wahrheit aber eine amüsante Vorstellung beider Mannschaften bot - zumindest für Freunde gepflegter Torlosigkeit.

Trainer Jon Dpunkt ließ seine Besiktas-Elf defensiv beginnen, ganz nach dem Motto: "Erst mal hinten dicht machen, vorne hilft der liebe Fußballgott." Leider hatte der wohl einen freien Abend. Trotz 52 Prozent Ballbesitz und elf Torschüssen blieb die Kugel dort, wo sie sich offenbar am wohlsten fühlte - außerhalb des Netzes.

Nevsehir unter Coach Mehmet Kaan präsentierte sich mutiger als mancher erwartet hatte. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur den Bus parken können", grinste Kaan nach der Partie. Und tatsächlich - seine Mannschaft schoss ganze 16 Mal auf das Tor, wobei Torwart Pascal Masse mehrmals zum fliegenden Helden avancierte. Besonders Yaman Erdem sorgte mit seinen drei frühen Abschlüssen (3., 18. und 36. Minute) für Aufregung. Leider zielte er, als wolle er den Ball direkt in die Galatasaray-Fankurve befördern.

Die Anfangsphase gehörte ohnehin den Gästen. Schon in der siebten Minute feuerte Orkut Karan aus zentraler Position, doch Masse lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. "Ich hab’ den nur noch gespürt, nicht gesehen", sagte der Keeper später, sichtlich zufrieden mit seiner Flugshow. Besiktas fand erst nach einer Viertelstunde ins Spiel. Marcos Chalana, der bullige Mittelstürmer, prüfte Nevsehirs Torhüter Latif Kaynak gleich mehrfach, blieb aber erfolglos.

Kurz vor der Halbzeit trat der 19-jährige Sadun Güngör überraschend als Schütze in Erscheinung - sein Schuss aus 25 Metern rauschte knapp am Pfosten vorbei. Da seufzte sogar Trainer Dpunkt: "Wenn der reingeht, kaufen wir ihm morgen den Vertrag ab."

Zur Pause blieb’s beim 0:0, und auch in der zweiten Hälfte änderte sich daran nichts - zumindest nicht am Ergebnis, wohl aber an der Drehzahl. Nevsehir brachte frische Kräfte: In der 54. Minute kam der junge Salih Kaldirim, später folgte der 18-jährige Sadi Mandirali. Und in der 76. Minute betrat ein gewisser Gareth Bale - nein, nicht der walisische Superstar, sondern sein 18-jähriger Namensvetter aus Nevsehir - das Feld. Sein Schuss in der 83. Minute war dann immerhin so gefährlich, dass selbst die Tribünen kurz aufsprangen.

Bei Besiktas reagierte Dpunkt mit jugendlicher Frische: Sefer Bulut (17) kam früh, Vadim Petuchow (ebenfalls 17) durfte zeigen, dass man auch mit Milchbart Pässe spielen kann. Petuchow hatte in der 35. und 53. Minute gute Ansätze, aber seine Distanzschüsse fanden nur die Hände von Kaynak. In der 60. Minute kam Emil Musiala für ihn - "Er sollte Ruhe reinbringen", erklärte Dpunkt, "aber er brachte eher Nervosität, weil jeder dachte, er schießt gleich drauf."

Den einzigen gelben Farbtupfer im Spiel setzte Besiktas-Verteidiger Bahri Balkan in der 55. Minute, als er einen Konter rustikal stoppte. "Ich wollte nur freundlich grüßen", kommentierte er trocken.

Das Publikum sah in der Schlussphase noch einmal ein wildes Hin und Her. Nevsehir drückte, Besiktas konterte - keiner traf. Als Schiedsrichter Öztürk abpfiff, war das kollektive Aufatmen fast lauter als die Fangesänge.

"Manchmal ist 0:0 auch ein Ergebnis mit Charakter", philosophierte Mehmet Kaan nach dem Spiel. Jon Dpunkt konterte mit einem Lächeln: "Charakter ja, aber bitte bald mit Toren."

Fakt ist: Beide Teams lieferten sich einen offenen Schlagabtausch auf Augenhöhe, statistisch leicht zugunsten von Nevsehir in Sachen Torschüsse, während Besiktas etwas mehr Ballbesitz hatte. Taktisch blieb Dpunkt seiner defensiven Linie treu, während Nevsehir gegen Ende immer offensiver wurde - ein Paradebeispiel für zwei Philosophien, die sich neutralisierten.

Und so ging ein Spiel zu Ende, das keine Sieger kannte, aber immerhin viele Geschichten schrieb: von jungen Talenten, fliegenden Torhütern und einem "Gareth Bale", der fast das Wunder von Istanbul vollbracht hätte.

In der Pressekonferenz verabschiedete sich Dpunkt schließlich mit einem Augenzwinkern: "Wenn wir weiter so spielen, müssen wir bald Eintritt nehmen fürs Warmmachen - das ist nämlich das Einzige, wo Tore fallen."

Ein 0:0 also, das man so schnell nicht vergisst - nicht wegen der Tore, sondern trotz ihrer völligen Abwesenheit.

04.09.644000 02:35
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Erich Ribbeck
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