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Manchmal reicht ein kurzer Wimpernschlag, um ein Spiel zu drehen - und manchmal bleiben beide Teams einfach mit offenem Mund stehen. Oberhausen und der SV Linx lieferten sich am Dienstagabend im Stadion Niederrhein ein Duell, das eher an eine Achterbahnfahrt auf Schienen aus Gummi erinnerte: viel Bewegung, wenig Zielwasser, aber jede Menge Emotion. Am Ende hieß es 1:1 (1:1), ein Ergebnis, das keiner so recht wollte, aber irgendwie alle verdienten. 4.620 Zuschauer sahen eine Partie, die früh Fahrt aufnahm. In der 19. Minute schickte Linx-Regisseur Bernt Kühne einen Pass durch die Oberhausener Innenverteidigung, der so präzise war, als hätte er ein Navi eingebaut. Detlev Miller, gerade mal 20 Jahre jung und schon mit der Kaltschnäuzigkeit eines erfahrenen Profis, nahm die Kugel auf und schob sie trocken zum 0:1 ein. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt wollte ich eigentlich flanken", grinste Miller nach dem Spiel, während Trainer Michal Dickschat die Stirn runzelte: "Wenn alle meine Spieler so unabsichtlich treffen würden, stünden wir ganz woanders." Doch die Freude der Gäste hielt exakt 60 Sekunden. Oberhausens Antwort kam prompt - und mit jugendlichem Übermut. Der erst 18-jährige Marwin Gabriel, der schon in der 18. Minute mit einem Schuss knapp gescheitert war, traf nun aus fast identischer Position. Die Vorarbeit kam von Louis Koller, der auf der linken Seite einen Verteidiger alt aussehen ließ. 1:1 nach 20 Minuten, und die Kurve tobte. "Ich hab gar nicht überlegt, der Ball lag da, ich hab einfach gemacht", sagte Gabriel hinterher so, als wäre das Toreschießen die natürlichste Sache der Welt. Danach wurde viel versucht, aber wenig vollendet. Oberhausen dominierte mit 54 Prozent Ballbesitz und stolzen zwölf Schüssen aufs Tor - nur einer ging eben rein. Linx kam gerade einmal auf vier Abschlüsse, aber die hatten es in sich. Besonders Miller blieb gefährlich, prüfte Keeper Giulio Bassi in der 23. und 71. Minute, fand aber keinen Weg mehr vorbei. Das Spiel lebte vor allem von seiner Intensität. Linx’ Linksaußen Wolfgang Seitz holte sich schon in der 24. Minute Gelb ab, nachdem er Oberhausens Ricardo Hierro ummähte, "weil der einfach zu hübsch dribbelte", wie Seitz später halb im Spaß erklärte. Sein Trainer Dickschat fand das weniger charmant: "Wir wollten den Ball, nicht den Gegner." Oberhausens Innenverteidiger Stille Bleecker sah ebenfalls Gelb - und zwar, weil er kurzzeitig vergaß, dass Grätschen von hinten immer noch verboten ist. "Ich wollte nur den Ball treffen", rechtfertigte er sich nachher. "Hat halt nicht ganz geklappt." Trainer Vito Rossi nahm’s sportlich: "Das gehört dazu. Wenn er den Ball trifft, reden alle vom perfekten Tackling." Nach der Pause blieb Oberhausen weiter am Drücker. Larsson, Grenier, Karl - sie alle probierten es, doch Linx-Torwart Thomas Dietz stand wie eine Wand. Nur einmal, in der 79. Minute, wurde es richtig eng, als Gabriel erneut auftauchte und den Ball aus spitzem Winkel an den Pfosten setzte. Rossi schlug dabei die Hände über dem Kopf zusammen, Dickschat brüllte von der Seitenlinie: "Das war Abseits!" - es war keins. Die Schlussphase gehörte dann Linx, die mit frischem Mut und einem Schuss jugendlicher Aggressivität - immerhin drei Gelbe in der zweiten Halbzeit - auf Sieg spielten. Joshua Merz, 18 Jahre alt und zur Pause eingewechselt, brachte Schwung, aber keinen Ertrag. "Wir wollten das 2:1, klar", sagte er später, "aber am Ende waren uns die Krämpfe näher als das Tor." Statistisch gesehen hätte Oberhausen das Spiel gewinnen müssen - mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, mehr vom Spiel. Aber Fußballstatistik ist bekanntlich die Kunst, aus Zahlen das zu lesen, was auf dem Platz nie passiert ist. Linx kämpfte, biss sich rein, und am Ende war es ein Punkt, der sich für beide Seiten anfühlte wie ein halber Sieg und eine halbe Niederlage zugleich. Trainer Rossi resümierte trocken: "Wir waren besser, aber nicht gut genug." Dickschat konterte mit einem Lächeln: "Dann haben wir wohl alles richtig gemacht." So trennten sich zwei Mannschaften, die unterschiedlicher kaum auftreten könnten - die einen mit jugendlicher Angriffslust, die anderen mit taktischer Zähigkeit. Und irgendwo zwischen beidem lag dieses 1:1, ein Ergebnis, das niemanden jubeln ließ, aber alle noch lange beschäftigen dürfte. Am Ausgang hörte man einen Fan murmeln: "Wenn die so weitermachen, spielen wir nächste Woche wieder 1:1." Vielleicht hat er recht - aber langweilig wird’s garantiert nicht. 23.11.643993 00:34 |
Sprücheklopfer
Unsere Chancen stehen 70:50.
Torsten Legat