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Wenn man 21.863 Zuschauer in ein Stadion bekommt, um einen grauen Januartag in Riobamba zu erhellen, dann muss etwas passieren - und es passierte: Olmedo Riobamba und AD Quito trennten sich im Spiel der verpassten Chancen mit 1:1. Auf dem Papier ein Punkt für beide, auf dem Rasen ein Drama in zwei Akten. Trainer Michael Prince hatte seine Olmedo-Elf gewohnt kompakt eingestellt - "wir wollten das Mittelfeld kontrollieren, nicht das Chaos" - während Norbert Lichner auf Seiten von AD Quito ganz auf Angriff setzte. Schon in den ersten Minuten rollte eine blaue Welle nach der anderen auf das Tor von Marcus Masse zu. Sergio Meireles schoss in der 6., 8. und 14. Minute, als wolle er beweisen, dass man eine Partie auch im Alleingang entscheiden kann. Doch Masse, der 35-jährige Torwartveteran, fischte alles heraus, was nach Ball aussah. Und dann, wie aus dem Nichts, die 28. Minute: Olmedo kontert, Omiros Athanasiadis schickt einen Pass zwischen zwei Verteidigern hindurch, John Reacock läuft ein - und trifft trocken zum 1:0. Jubel, Rauch, Trommeln, das Stadion bebte. "Ich hab’ einfach draufgehalten", grinste Reacock später, "und gehofft, dass keiner merkt, dass ich eigentlich flanken wollte." Quito schien kurz geschockt, fing sich aber schnell. Die Gäste hatten am Ende unglaubliche 19 Torschüsse (Olmedo kam auf sechs), was deutlich machte, wer hier die Spielbestimmung beanspruchte. Doch das Toreschießen blieb ein Problem: zu viele Schüsse, zu wenig Zielwasser. Nach der Pause brachte Lichner frisches Blut: Der 19-jährige Duarte Ramirez kam rein und brachte Tempo - und in der 53. Minute auch den Ausgleich. Nach einem guten Lauf über links legte der Youngster quer, Adem Tasdemir schob eiskalt ein. 1:1, und plötzlich wackelte Olmedo. "Wir haben den Gegner laufen lassen, bis ihm schwindlig wurde", meinte Lichner hinterher mit einem Anflug von Stolz. Ganz unrecht hatte er nicht: Quito hatte mit 51 Prozent Ballbesitz und einer Zweikampfquote von fast 56 Prozent die Kontrolle. Nur das Torverhältnis wollte nicht mitspielen. Die Schlussphase war ein einziges Nervenballett. Samuel Marshal sah Gelb, weil er in der 75. Minute einen Zweikampf etwas rustikaler führte, als es der Schiedsrichter mochte. Bernardo Claverias revanchierte sich drei Minuten später mit einer fast identischen Aktion - auch Gelb. Der vierte Offizielle notierte bereits mehr Karten als Tore, was der Stimmung auf den Rängen keinen Abbruch tat. Quito drückte bis zum Schluss, Meireles schoss in der 80. und 83. Minute aus allen Lagen, aber Masse blieb unbezwingbar. "Ich hab’ heute mehr Bälle gefangen als Fische in meinem Urlaub", witzelte der Torhüter im Anschluss. Trainer Prince war nach dem Abpfiff sichtlich erleichtert: "Wir wussten, dass sie offensiv kommen. Wir wussten nur nicht, dass sie nie wieder aufhören." Lichner dagegen stapfte mit verschränkten Armen vom Platz und murmelte etwas, das nach "wir hätten zehn machen müssen" klang. Am Ende stand ein Resultat, das beiden Teams weder hilft noch schadet. Olmedo darf sich über einen Punkt gegen den Favoriten freuen, Quito dagegen nimmt Frust und Statistikrekorde mit nach Hause. Sarkastisch könnte man sagen: Wer 19-mal aufs Tor schießt und nur einmal trifft, hat wenigstens ein gutes Fitnessprogramm absolviert. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne bemerkte: "So viele Chancen - das war schon fast Kunst. Nur halt ohne Ausstellung." Ein Spiel, das zeigte, dass Fußball nicht immer fair rechnet. 1:1 - aber gefühlt hatte Quito den Ball, Olmedo den Willen. Und das Publikum bekam, was es wollte: Emotion, Schweiß, Gelbe Karten und ein bisschen Dramatik, die man am nächsten Tag beim Frühstückskaffee noch spürt. Vielleicht ist das ja das Schönste am Fußball in Ecuador: Selbst wenn nichts entschieden wird, gibt es immer etwas zu erzählen. Und Olmedo Riobamba wird diese Punkteteilung feiern, als wäre sie ein Sieg - ganz besonders Torwart Masse, der wohl noch heute Nacht von fliegenden Bällen träumen wird. 10.04.643987 04:05 |
Sprücheklopfer
Ich bin wieder derjenige, der wo alles ausbaden muss.
Mario Basler