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UD Osorno hat am 4. Spieltag der 1. Liga Chile eindrucksvoll bewiesen, dass man in den südlichen Anden mehr kann als Milch und Tourismus: Man kann auch Fußball spielen. Mit einem 2:0-Heimsieg über UD La Chile verwandelte das Team von Jürgen Klopp das Estadio Rubén Marcos Peralta in ein Tollhaus - und das vor 16.166 begeisterten Zuschauern, die am Sonntagabend kaum wussten, ob sie jubeln oder staunen sollten. Von Beginn an war klar, wer hier Herr im Haus ist. Osorno spielte, als wolle Klopp persönlich beweisen, dass "Gegenpressing" auch auf 900 Metern Höhe funktioniert. Und tatsächlich: Schon in der 4. Minute prüfte Rechtsverteidiger Jacinto Caneira mit einem Distanzschuss den chilenischen Torwart Marcio Djalo - eine Art freundliche Begrüßung. "Ich wollte nur schauen, ob er wach ist", grinste Caneira später in der Mixed Zone. UD La Chile hatte nominell mehr Ballbesitz (55,9 %), aber was nützt das, wenn man mit dem Ball nur liebkost, statt ihn aufs Tor zu bringen? Ganze sechs Torschüsse konnte der Gast verzeichnen - Osorno dagegen feuerte 19 Mal. Klopp kommentierte trocken: "Wir hatten heute keinen Ballbesitz, wir hatten Ballbesitzphasen - und die waren ziemlich gefährlich." In der 26. Minute platzte dann der Knoten: Cesc Etxeita, der flinke Linksaußen mit dem Gesicht eines Schuljungen und dem Selbstvertrauen eines Straßenkünstlers, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von Mittelfeldmotor Dimas Corcoles ins rechte Eck. 1:0 - und das Stadion bebte. La Chile-Trainer (der Name war an diesem Abend weniger präsent als sein Kopfschütteln) warf die Arme in die Luft, als wolle er fragen, ob jemand seine Defensive gesehen habe. Kurz darauf sah Pau Teixeira von La Chile Gelb (6.), was symptomatisch für den Abend war: Die Gäste liefen oft hinterher, manchmal zu spät, manchmal zu hart. Und als der junge Rui Marquez von Osorno in der 74. Minute ebenfalls Gelb sah, schien das mehr aus jugendlicher Übermotivation zu passieren - immerhin war es sein Heimdebüt. "Ich wollte einfach zeigen, dass ich da bin", sagte der 18-Jährige anschließend stolz, während Klopp ihm väterlich auf die Schulter klopfte. Der zweite Treffer folgte in der 58. Minute, und er war so kloppsch, wie ein Tor nur sein kann: Cesc Etxeita tankte sich über links durch, passte zurück auf Adriano de Gogorza, der den Ball humorlos ins Netz drosch. 2:0. "Ich habe einfach draufgehalten", sagte Adriano später mit einem Schulterzucken. "Wenn du’s kompliziert machst, geht er eh vorbei." Klopp grinste: "Genau das habe ich gemeint, als ich sagte, Fußball ist kein Schönheitswettbewerb." La Chile versuchte danach, das Spiel zu beruhigen - Taktik: "BALANCED", Pressing: "NO". Man könnte auch sagen: Sie ließen Osorno machen. Die Gäste kombinierten sich zwar bisweilen hübsch durchs Mittelfeld, aber vor dem Tor blieb’s harmlos. Gustav Henning hatte drei gute Chancen (38., 41., 72.), scheiterte aber jedes Mal an Osornos jungem Keeper Xabi Exposito, der mit 20 Jahren spielte, als hätte er schon 200 Pflichtspiele in den Beinen. "Ich hab einfach gemacht, was Klopp immer sagt: Erst Ball, dann Herzinfarkt", witzelte der Torhüter nach dem Spiel. In der Schlussphase wechselte Klopp clever: Paul Rau ersetzte den müden Caneira, später kam sogar der 17-jährige Martin Ødegaard für Corcoles. "Ich wollte die Jungen fühlen lassen, wie sich ein Sieg anfühlt - das motiviert für Montagmorgen", erklärte Klopp. Statistisch gesehen war es ein Lehrstück in Effizienz und Einsatz: Osorno gewann trotz weniger Ballbesitz die meisten Zweikämpfe (Tacklingquote 54,3 %) und wirkte in jedem Moment entschlossener. Die Fans feierten ihr Team mit Sprechchören, während Klopp mit seinem typischen Dauerlächeln in die Kurve winkte. "Das war kein perfektes Spiel", meinte der Coach später auf der Pressekonferenz, "aber es war ein perfekter Abend." Und als ein Reporter ihn fragte, ob Osorno jetzt Titelambitionen habe, antwortete Klopp mit einem Zwinkern: "Ich hab hier nicht unterschrieben, um das Wetter zu genießen." Ein bisschen Pathos darf man sich in Osorno jetzt erlauben. Zwei Tore, kein Gegentreffer, ein Trainer mit Charisma - und ein Publikum, das weiß, wann man stehen bleiben und klatschen muss. Wer am Sonntag dabei war, wird sich erinnern: Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball ein bisschen wärmer, ein bisschen lauter und ein bisschen kloppscher war. Und irgendwo in der Kabine soll jemand gesagt haben: "Wenn wir so weitermachen, müssen wir bald die Alpen statt der Anden erklimmen." Klopp soll nur gelacht haben und geantwortet: "Dann packt schon mal die Wanderschuhe ein." 22.02.643987 23:09 |
Sprücheklopfer
Der Uli Hoeneß hat ja Alzheimer.
Rainer Calmund