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| L’Equipe |
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Paris - Es war ein Abend, an dem man das Gefühl hatte, Champagne AC sei versehentlich zu einem Schaulaufen der Gastgeber eingeladen worden. 44.815 Zuschauer im Pariser Prinzenpark erlebten am 4. Spieltag der 1. Liga Frankreich ein 5:0-Spektakel, das weniger nach einem Ligaduell als nach einem Trainingsspielchen wirkte. Paris St. Michel dominierte von der ersten Minute an - und das im buchstäblichen Sinne: Nach gerade einmal vier Minuten zappelte der Ball schon im Netz. Maurice Lavoie, der Routinier im Sturmzentrum, machte kurzen Prozess. Nach einem Steckpass von Leandro Barbosa schob er trocken ein. "Ich dachte, wir hätten noch Aufwärmen", grinste Lavoie später in der Mixed Zone, "aber wenn der Ball so schön rollt, sagt man nicht nein." Champagne AC wirkte überrascht, fast beleidigt - als hätte man den Gästen den falschen Spielplan gegeben. Paris St. Michel blieb gnadenlos. Die Offensive, vom ersten Moment auf "ANYTIME"-Modus eingestellt, feuerte aus allen Lagen. 24 Torschüsse, 54 Prozent Ballbesitz, eine Tacklingquote von fast 58 Prozent - Zahlen, die so eindeutig sind, dass selbst der Statistikrechner gähnte. In der 36. Minute war es Adrian Lundqvist, der nach einem klugen Pass des jungen Henry Bosworth auf 2:0 erhöhte. Sechs Minuten später traf Lundqvist erneut, diesmal nach Vorarbeit von Maurice Jean-Pierre, der auf der rechten Seite so viel Raum hatte, dass er sich zwischendurch eine Crepe hätte holen können. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", murmelte Champagne-Coach Pflanziska Pflanzerus später in die Mikrofone. "Aber irgendwie standen wir dann… na ja, kompakt im Strafraum." Ihre Mannschaft brachte es auf immerhin vier Torschüsse - ein Wert, der sich nur schwer verteidigen lässt, wenn der Gegner in Spiellaune ist. Zur Halbzeit führte Paris 3:0, und Trainer Jakub Jakubov nutzte die Pause zu einer kuriosen Doppel-Auswechslung: Er ließ seinen Ersatzkeeper Volker Stoll für den eigentlichen Torwart Nevio Viana auflaufen - und gleichzeitig Pierre Dubois für Mittelfeldmann Tremblay. "Ich wollte sehen, ob Stoll auch im Mittelfeld spielen kann", scherzte Jakubov, um dann ernst hinzuzufügen: "Nein, Spaß. Wir wollten einfach jedem ein bisschen Spielzeit geben. Bei 3:0 kann man das riskieren." Champagne AC hatte nach dem Wechsel kurz so etwas wie einen Moment: Kai Ross prüfte in der 55. Minute Pariser Keeper Stoll mit einem Distanzschuss - immerhin, der Ball kam aufs Tor. Doch mehr als ein höfliches "Danke fürs Mitspielen" sprang für die Gäste nicht heraus. Stattdessen erhöhte Paris in der 73. Minute durch Maurice Jean-Pierre, der nach Vorarbeit von Dylan Chisholm locker einschob. Chisholm selbst setzte in der Nachspielzeit den Schlusspunkt: In der 95. Minute zirkelte der 21-Jährige das Leder sehenswert ins lange Eck - Vorlagengeber diesmal Jean-Pierre, der damit auch noch zum doppelten Vorbereiter avancierte. "Ich hab ihm zugerufen, dass er einfach schießen soll", erzählte Jean-Pierre danach lachend. "Er hat’s tatsächlich gemacht - und getroffen. Vielleicht sollte ich Trainer werden." Jakubov grinste nur und meinte: "Nicht heute, Maurice, nicht heute." Einziger Makel im Pariser Abendglanz: Zwei Gelbe Karten für die Hausherren - Chisholm (50.) und Ouellet (72.) wurden verwarnt. Bei Champagne sahen Donahue (53.) und Kraft (80.) Gelb - vermutlich aus Frust, denn sonst fiel ihnen kaum ein Mittel ein, um den Pariser Angriffswirbel zu stoppen. Bei allem Spott: Champagne AC versuchte es. Aber die Gastgeber waren einfach zu abgeklärt, zu schnell, zu präzise. Lundqvist glänzte mit zwei Treffern, Lavoie eröffnete den Torreigen, Jean-Pierre und Chisholm setzten die Ausrufezeichen. Von der Bank kam mit dem 18-jährigen Gerard Lessard noch jugendlicher Übermut - und sogar er prüfte in der Nachspielzeit den Gästekeeper. "Das war heute eine Demonstration", bilanzierte Jakubov nüchtern. "Aber wir wissen, dass es auch andere Tage gibt. Heute hat einfach alles gepasst - vom ersten Pass bis zum letzten Schuss." Champagne-Trainerin Pflanzerus dagegen seufzte: "Wir haben gesehen, wie weit der Weg noch ist. Paris spielt eine Liga für sich - und leider ist es dieselbe, in der wir auch sind." So endete der Abend mit einem 5:0, das so klar war, wie Fußball selten ist. Paris St. Michel bleibt damit obenauf, Champagne AC muss die Wunden lecken. Und während die Fans jubelten, summte der Stadionsprecher eine Melodie, die sinngemäß sagte: In dieser Form tanzt Paris auf jedem Rasen. Ein Spiel, das man als Lehrfilm archivieren könnte - unter dem Titel: "So spielt man, wenn alles funktioniert." 22.02.643987 20:15 |
Sprücheklopfer
Für uns wäre es besser gewesen, wenn wir heute gewonnen hätten.
Erich Ribbeck