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Wenn man in Caracas an einem lauen Januarabend ein Fußballspiel besucht, bekommt man meist mehr Dramatik als im besten Telenovela-Doppelpack. So auch am 7. Spieltag der 1. Liga Venezuela, als Real Caracas vor 38.201 Zuschauern CD Guayana mit 2:1 niederrang - in einem Spiel, das gleichermaßen mitreißend, chaotisch und unterhaltsam war. Zwei Mal hieß der Hauptdarsteller Silvestre Pauleta. Der 21-jährige Rechtsaußen war an diesem Abend so flink, dass selbst die Kameras Mühe hatten, ihm zu folgen. In der 36. Minute verwandelte er eine butterweiche Hereingabe von Christiano Morais mit der Leichtigkeit eines Mannes, der offenbar vergessen hat, dass er noch keine 50 Länderspiele auf dem Konto hat. "Ich habe einfach draufgehalten", grinste Pauleta später. "Wenn man nicht zielt, kann man auch nicht vorbeischießen." Trainer King Lui lachte nur und meinte: "Er sagt das so, aber glauben Sie mir - der Junge weiß genau, wohin er schießt." Guayana, das unter Coach Ralf Minge mit etwas mehr Ballbesitz (53 Prozent) und identischer Schusszahl (11:11) antrat, schien sich zunächst nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Direkt nach der Pause, in der 50. Minute, war es David Bachmann, der nach Vorarbeit von Ricardo Pena eiskalt zuschlug. Ein Schuss, trocken wie die Luft über dem Altiplano, und plötzlich stand es 1:1. Minge ballte die Faust - und brüllte dann seine Bank an: "Ich hab’s euch gesagt, Jungs, Geduld ist unsere Waffe!" Doch Caracas wäre nicht Caracas, wenn man sich mit einem Unentschieden zufriedengegeben hätte. Die Gastgeber agierten offensiv, über die Flügel, wie es ihre taktische Marschroute vorgab. Und erneut war Pauleta der Mann des Abends. In der 72. Minute stürmte er nach Pass von Lionel Oliveira in den Strafraum und drosch das Leder mit jugendlicher Unbekümmertheit unter die Latte. 2:1 - und der Jubel im Estadio Olímpico de Caracas war ohrenbetäubend. "Ich hab’ kurz überlegt, ob ich flanke", gab Oliveira später zu, "aber dann hab’ ich Silvestre gesehen - und dachte mir: Der hat heute einfach Feuer." Die beiden jungen Flügelspieler umarmten sich danach so innig, dass selbst der Schiedsrichter kurz lächeln musste. Guayana drängte in der Schlussphase, doch richtig gefährlich wurde es nur selten. Bachmann prüfte in der 88. Minute noch einmal Torhüter Asier Veloso, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. "Der Junge hat keine Nerven", meinte Trainer Lui. "Ich hab ihm gesagt: Stell dir vor, das ist Training. Nur dass 38.000 Leute zuschauen." Die Statistik zeigte am Ende ein ausgeglichenes Bild: Beide Teams mit elf Torschüssen, nahezu identischer Zweikampfquote (49 zu 50 Prozent). Doch der Unterschied lag in der Entschlossenheit. Caracas spielte mutiger, riskierte mehr - und wurde belohnt. Ein kleines Schmankerl gab’s in der Nachspielzeit noch: Innenverteidiger Joaquin Rueda sah Gelb, nachdem er in bester Wrestling-Manier seinen Gegenspieler umarmte, um Zeit zu schinden. "Ich wollte nur sicherstellen, dass er nicht friert", witzelte Rueda später. Auch Trainer Ralf Minge nahm die Niederlage mit Galgenhumor: "Wir waren gut, aber nicht gut genug. Vielleicht hätte ich Pauleta vorher verpflichten sollen." So endete ein Spiel, das keinen Fußballästheten kalt ließ. Offensiv, leidenschaftlich, manchmal wild - venezolanischer Fußball in seiner schönsten Form. Real Caracas bleibt mit diesem Sieg oben dran, Guayana reist enttäuscht, aber nicht hoffnungslos zurück. Und Pauleta? Der verschwand nach dem Abpfiff lächelnd in der Kabine, ein Ball unterm Arm. "Den nehm’ ich mit", sagte er. "Vielleicht brauch ich ihn nächste Woche wieder." Ein Satz, der in Caracas sicher noch oft zitiert werden wird - zumindest bis zum nächsten Fußballdrama. 29.03.643987 13:52 |
Sprücheklopfer
Ich bin der linke, mittlere, defensive Offensivspieler.
Christian Ziege