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Wenn man in Barcelona von einer heißen Nacht spricht, meint man normalerweise Tapas, Musik und Meerblick - nicht aber einen 2:4-Heim-Albtraum gegen UD Portoviejo. Doch genau das erlebten 43.917 Zuschauer am 9. Spieltag der ecuadorianischen Liga. Die Gäste aus Portoviejo verwandelten das Estadio Monumental in ihr persönliches Trainingsgelände - zumindest sah es in der zweiten Halbzeit so aus. Schon nach 60 Sekunden ging es los: Cafer Kahraman, Portoviejos bulliger Mittelstürmer, hatte offenbar beschlossen, keine Zeit zu verschwenden. Hartmut Siebert flankte, Kahraman köpfte, und ehe Heimtorhüter Yekta Colak überhaupt eine Mütze aufsetzen konnte, stand es 0:1. "Wir wollten sie überraschen", grinste Portoviejos Trainer Special Agent später. "Ich glaube, es hat funktioniert." BSC Barcelona brauchte eine ganze Halbzeit, um sich von diesem Schock zu erholen. Trainer Andi Eier gestikulierte wild an der Seitenlinie, während seine Offensivreihe um Xabi Guerrero und Ogün Sabankay zwar viel den Ball hatte (53 Prozent Ballbesitz sprechen für sich), aber zu selten Zählbares zustande brachte. Erst kurz vor der Pause, in der 43. Minute, platzte der Knoten: Nach einer Ecke von Nevio Pelayo landete der Ball bei Sabankay, der aus spitzem Winkel zum 1:1 traf. Jubel, Erleichterung, Hoffnung - alles gleichzeitig. "Wir dachten, jetzt drehen wir das Spiel", sagte Sabankay später. "Aber dann kam die zweite Halbzeit." Und die hatte es in sich. Zunächst schien Barcelona tatsächlich besser aus der Kabine zu kommen, doch ein Teenager aus Portoviejo hatte andere Pläne. Joel Williamson, gerade mal 19, wurde in der 46. Minute für den erfahrenen Venizelos eingewechselt. In der 54. Minute stand er goldrichtig, als Javier Aguas über links durchbrach und querlegte - 1:2. "Ich hab einfach den Fuß hingehalten", meinte Williamson bescheiden. Barcelona antwortete sofort: Sechs Minuten später drosch Xabi Guerrero den Ball nach Vorlage von Amaury Antonio ins Netz - 2:2. Der Jubel im Stadion klang wie ein Befreiungsschrei. Doch wer glaubte, die Hausherren hätten das Spiel nun im Griff, unterschätzte Portoviejos Kaltschnäuzigkeit. In der 63. Minute zirkelte Aitor Coluna, eigentlich linker Verteidiger, die Kugel nach feiner Vorarbeit von Routinier Joan Gallardo in die obere Ecke - 2:3. Und als Hartmut Siebert in der 74. Minute nach Aguas’ zweitem Assist das 2:4 markierte, war der Drops gelutscht. Trainer Eier stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und blickte in den Nachthimmel, als suche er dort taktische Antworten. "Wir haben gekämpft, aber vier Tore sind schwer zu verdauen", murmelte er nach dem Spiel. "Vielleicht hätten wir weniger Flügel, mehr Zentrum gebraucht - oder einfach weniger Portoviejo." Statistisch gesehen war Barcelona gar nicht so schlecht: 10 Torschüsse gegenüber 18 der Gäste, mehr Ballbesitz, mehr Ecken. Doch Portoviejo spielte zielstrebiger, direkter, und vor allem: effizienter. "Wir haben lange Bälle trainiert, aber keiner dachte, dass wir sie alle treffen", lachte Agent auf der Pressekonferenz. Auch die Zuschauer nahmen es mit Galgenhumor. Ein älterer Fan rief beim Verlassen des Stadions: "Beim nächsten Mal kommen wir mit der U21 - die kann’s auch nicht schlechter machen!" Erwähnenswert: Der junge Keeper Yekta Colak musste in der 60. Minute verletzt vom Platz, Ersatzmann Raul Cunha übernahm - und kassierte prompt zwei Gegentore. "Ich hätte mir einen ruhigeren Einstand gewünscht", sagte er mit einem gequälten Lächeln. Gelbe Karten gab’s auch: Barcelonas Javier Jorge sah in der 72. Minute Gelb, kurz nachdem sein Team zum dritten Mal in Rückstand geraten war. "Ich war frustriert", gab er offen zu. "Manchmal muss man halt ein Zeichen setzen - leider am falschen Ort." So endete ein Abend, der für Barcelona als "Lehrstunde in Effizienz" in die Vereinschronik eingehen dürfte. Portoviejo dagegen tanzte ausgelassen im Mittelkreis. "Wir haben einfach Spaß am Fußball", sagte Doppeltorschütze Siebert, während er sich eine Wasserflasche über den Kopf goss. Das Publikum pfiff, applaudierte und lachte zugleich - eine eigenartige Mischung aus Frust und Faszination. Fußball eben. Und als die Flutlichter erloschen, blieb der Gedanke: Manchmal reicht Ballbesitz allein nicht. Manchmal braucht man einfach einen Cafer Kahraman, der nach 60 Sekunden trifft - und einen Trainer, der wirklich Special heißt. 02.05.643987 17:53 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller