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Es war eine dieser Nächte in Turin, an denen 36.697 Zuschauer irgendwann nicht mehr wussten, ob sie im Stadion oder in einer Theaterprobe sitzen: viel Gestik, viele Aufschreie, aber lange kein Applaus. Am Ende aber doch - dank Owen Preston, der in der 85. Minute den Ball und die Nerven behielt und Yuventus Turin zum 1:0-Sieg über Tigri Cremonesi führte. Trainer Mario Girotti, sonst ein Mann der ruhigen Worte, war nach Abpfiff sichtlich erleichtert. "Ich habe schon geglaubt, der Ball will heute einfach keine Freundschaft schließen mit dem Tor. Und dann macht Owen das Ding - typisch Engländer, wenn’s drauf ankommt, geradeheraus." Dabei begann der Abend nach Plan, zumindest optisch. Yuventus startete offensiv, wie es die taktische Marschroute versprach. Bereits nach drei Minuten prüfte Preston den Cremonesi-Keeper Antonio Coluna mit einem Schuss aus spitzem Winkel. Kurz danach folgten Ralph Schlegel (6.), Giuseppe Mare (7.) und noch einmal Preston (8.) - allesamt gefährlich, aber nicht erfolgreich. Die Gäste hingegen behandelten das Angriffsspiel wie ein optionales Extra: Zwei Torschüsse in 90 Minuten - das ist keine Statistik, das ist ein Hilferuf an die eigene Offensive. "Wir wollten kontrollieren, nicht rennen", erklärte Cremonesi-Coach See Schwalbe nach dem Spiel. "Leider haben wir vergessen, dass man auch mal loslaufen muss, um zu kontrollieren." Tatsächlich hatten die Gäste mit 55 Prozent Ballbesitz mehr vom Leder, aber weniger vom Spiel. Yuventus verteidigte giftig (Zweikampfquote 59 Prozent) und kombinierte mit bemerkenswerter Geduld. Nur das Tor wollte einfach nicht fallen. Mitte der ersten Hälfte rief ein Turiner Fan frustriert: "Schießt doch einer mal mit Gefühl!" Worauf Ralph Schlegel prompt abdrückte - und den Ball in die obere Tribüne jagte. Nach der Pause änderte sich wenig am Drehbuch. Girotti brachte ab der 60. Minute frische Beine, darunter den Finnen Ari Sainio für den müden Mare. Eine Einwechslung mit Folgen: Sainio brachte in der 85. Minute den entscheidenden Pass in den Lauf von Preston. Der zog von links nach innen, täuschte an - und setzte den Ball aus 14 Metern trocken ins rechte Eck. Ein Tor, so spät und so verdient, dass man fast Mitleid mit dem tapferen Coluna im Tor der Tigri haben musste. "Ich hab nur gedacht: Nicht wieder Latte, nicht wieder daneben", grinste Preston später in der Mixed Zone. "Und diesmal hat der Ball tatsächlich gemacht, was ich wollte. Muss an der neuen Frisur liegen." Nach dem Treffer gab’s auf der Bank der Turiner keine Sitzplätze mehr, nur noch aufspringende Menschen. Trainer Girotti riss die Arme hoch, brüllte etwas, das nach "Endlich!" klang, und umarmte seinen Co-Trainer so fest, dass diesem kurz die Brille verrutschte. Cremonesi versuchte danach, etwas Druck aufzubauen - so viel, wie man mit zwei Torschüssen eben Druck machen kann. Ein Verzweiflungsversuch von Cristian Mongrassano (58.) blieb die einzige Notiz in Yuventus-Keeper Nicola Ionios Arbeitsnachweis. Der musste ansonsten vor allem darauf achten, nicht einzuschlafen. Statistisch liest sich das Ganze wie ein Kräftemessen zwischen Geduld und Beharrlichkeit: 22 Torschüsse für die Hausherren, davon gefühlt 21 knapp vorbei, einer drin. Ballbesitz leicht zugunsten der Gäste, aber Torgefahr einseitig verteilt. Nach Abpfiff lobte Girotti seine Mannschaft, ohne den Sarkasmus zu verbergen: "Wir haben heute gezeigt, dass man auch 85 Minuten lang üben kann, wie man NICHT trifft. Aber das Training hat sich gelohnt." Auf der anderen Seite blieb Trainer Schwalbe gefasst. "Ein Punkt wäre möglich gewesen - wenn wir aufs Tor geschossen hätten. Vielleicht üben wir das nächste Woche." Die Fans verabschiedeten ihr Team mit Applaus, der sich nach Erleichterung anhörte. Preston winkte in die Kurve, Sainio klopfte ihm auf die Schulter, und irgendwo aus der Südkurve rief jemand: "Das nächste Mal bitte früher!" Ein Abend also, der in Erinnerung bleibt - nicht wegen fußballerischer Brillanz, sondern wegen der späten Erlösung. Yuventus Turin schiebt sich mit diesem Sieg in der 2. Liga Italien wieder nach oben. Und Owen Preston? Der lernt vielleicht gerade, dass Geduld nicht nur eine Tugend, sondern manchmal auch ein Tor ist. Zum Schluss meinte ein alter Fan beim Verlassen des Stadions trocken: "Wir hätten ruhig 1:0 nach fünf Minuten machen können. Aber wo bliebe da die Dramatik?" Recht hat er. 06.03.643987 09:26 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler