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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die man sich nicht ausdenken könnte - und wenn doch, würde jeder sagen: "Na, das glaubt dir keiner." Preußen Münster besiegte am sechsten Spieltag der belgischen Liga (!) den Traditionsklub PRS Anderlecht mit 2:1. Ja, Sie haben richtig gelesen: Münster in Belgien. Aber in Zeiten globaler Fußballverwirrung ist das wohl nur eine Randnotiz. Entscheidend bleibt: 30.431 Zuschauer erlebten ein Spiel, das mehr Wendungen bot als ein Sonntagskrimi. Schon die Anfangsphase roch nach Spektakel. Kaum hatte Anderlechts Frans Dahl in der ersten Minute den ersten Schuss auf den Kasten abgefeuert, da stand es nach neun Minuten 1:0 für Münster. Diego Puerta, der flinke Linksaußen mit dem Temperament eines Espresso-Doppels, nahm eine Vorlage von Humberto Tonel auf, legte sich den Ball einmal zurecht - und drosch ihn ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Puerta später, "wenn er reingeht, war’s Absicht." Anderlecht zeigte sich unbeeindruckt, spielte weiter nach vorn und glich in der 26. Minute aus. Manuel Costinha traf nach schöner Vorarbeit von Linksverteidiger Joseba Nene - ein seltener Moment, in dem die belgische Hintermannschaft tatsächlich mal vorne zu finden war. "Das war unser Plan: überraschen", erklärte Gästecoach David Neumann halb ernst, halb ironisch. Doch die Freude der Gäste währte ganze zwei Minuten. Maxim Van Kerckhove, der eher unauffällige Mittelfeldstratege Münsters, hatte offenbar genug von taktischem Geplänkel. Nach einer erneuten Vorlage von Tonel nahm er Maß - und brachte den Ball aus gut 20 Metern trocken im rechten Eck unter. 2:1. "Ich hab ihn gar nicht richtig getroffen", flüsterte Van Kerckhove nach dem Spiel und lächelte, als hätte er gerade den Lotto-Jackpot gewonnen. Es blieb bei diesem Ergebnis - obwohl das Spiel alles andere als langweilig verlief. 11 Torschüsse für Münster, 13 für Anderlecht. Die Belgier hatten mehr Chancen, die Preußen mehr Effizienz. Und Ballbesitz? 54 zu 46 Prozent - also leichtes Plus für Münster, aber niemand im Stadion hatte das Gefühl, hier säße jemand am Steuer. Es war eher wie ein Auto ohne Bremsen: rauf, runter, hin und her. In der zweiten Halbzeit war das Spiel ein einziger Beweis, dass Fußball nicht zwingend Tore braucht, um spannend zu sein. Anderlechts Adam Rogocz versuchte sich als Alleinunterhalter im Sturm, hämmerte zwischen Minute 34 und 95 gleich mehrere Male auf den Kasten von Luca Sanna, der im Tor der Münsteraner einen dieser Abende hatte, die Torhüter lieben: viel zu tun, wenig zu meckern. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", sagte Sanna später, "aber ich denke, ich war oft genug im Bild." Das Spiel wurde ruppiger. Zwei Gelbe Karten für Anderlecht (Nene in der 43., Cora in der 72.), eine Rote für Münsters Jungspund Ward Dewaele in der 93. Minute. "Ich wollte nur den Ball", beteuerte der 22-Jährige, während Trainer Waldemar Reger mit einem sarkastischen "Na klar, und ich bin der Linienrichter" kommentierte. Die Schlussminuten gehörten dann dem puren Überlebenswillen. Anderlecht warf alles nach vorne, sogar die Ersatzbank schien kurz davor, aufs Feld zu laufen. In der 95. Minute hatte Rogocz noch einmal die Riesenchance - doch Sanna parierte spektakulär. Der anschließende Konter endete mit einem letzten Schuss von Ruben Goncalves, der den Ball auf die Tribüne jagte - und damit quasi den Schlusspfiff einleitete. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", resümierte Münsters Trainer Reger. "Manchmal reicht ehrlicher Fußball, wenn man das Glück auf seiner Seite hat." Gästecoach Neumann wirkte weniger philosophisch: "Wir haben 13 Mal aufs Tor geschossen und nur einmal getroffen. Das ist keine Statistik, das ist ein Witz." Und tatsächlich: Wer die Zahlen sieht, könnte meinen, das Spiel hätte anders ausgehen müssen. Aber Fußball ist eben kein Rechenexempel. Es ist ein Spiel der Momente - und diesmal gehörten sie den Preußen. Als die Fans in der Kälte von Münster schließlich nach Hause trotteten, hörte man irgendwo einen älteren Herrn murmeln: "So spielen die Jungs nicht immer, aber heute… heute war’s ein Fest." Und vielleicht hatte er recht. Ein Fest mit roten Karten, fliegenden Pässen und einem Torwart, der zum Helden wurde. Oder, wie es Torjäger Puerta später mit einem Augenzwinkern zusammenfasste: "Wenn wir jetzt auch noch anfangen, die einfachen Spiele zu gewinnen, wird’s gefährlich für die Liga." Man darf gespannt sein. 18.03.643987 00:10 |
Sprücheklopfer
Lieber ewiges Talent als gar kein Talent.
Mehmet Scholl