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Es war der erste Spieltag der neuen Saison in der 1. Liga Polen - und die 34.846 Zuschauer in Gdansk hatten sich wohl auf einen gemütlichen Fußballabend eingestellt. Stattdessen bekamen sie ein Lehrstück serviert: SK Pruszkow, jung, flink und unverschämt selbstbewusst, zerlegte BKS Gdansk mit 4:2. Und das, obwohl die Gastgeber mehr aufs Tor schossen - aber eben nicht öfter hinein. Schon nach vier Minuten war die Stimmung im Stadion kurzzeitig bedenklich still. Innenverteidiger Veljko Ivic, sonst eher für rustikale Grätschen als für filigrane Ballkünste bekannt, traf nach einer Ecke von Youngster Joaquin Maniche zum frühen 0:1. "Ich wollte eigentlich nur den Ball klären - aber wenn er dann reingeht, nehme ich das natürlich mit", grinste Ivic später. Ein pragmatischer Mann. BKS Gdansk, unter Trainer Mike Matt gewohnt kämpferisch, versuchte danach alles, was in den Lehrbüchern steht - und manches, was dort nicht steht. Stürmer Dennis Nawalka drosch in der 11. und 17. Minute zwei Mal gefährlich aufs Tor, doch Pruszkows Keeper Humberto Miguel, 18 Jahre jung und mit der Ruhe eines Schachspielers, parierte glänzend. "Ich habe einfach gemacht, was mein Trainer gesagt hat: den Ball nicht reinlassen", erklärte Miguel trocken. In der 18. Minute gab es dann den ersten Dämpfer für Gdansk: Verteidiger Philip Gancarczyk sah Gelb, fünf Minuten später hätte er fast Gelbrot gesehen - doch das sparte er sich für die 53. Minute auf. Nach einem rustikalen Einsteigen war Schluss für ihn. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", murmelte er später. Das hat er, zweifellos. Bis zur Pause blieb es beim 0:1, obwohl Gdansk mit 10:8 Torschüssen mehr Initiative zeigte. Doch Ballbesitz ist bekanntlich keine Währung, die im Fußball zählt - und Pruszkow hatte 60 Prozent davon. Nach der Pause ging das Drama weiter. In der 62. Minute erhöhte der 18-jährige Nenad Zdravkovic nach Vorarbeit von Maniche auf 0:2. Der Junge wirbelte über den rechten Flügel, als hätte er nie etwas anderes getan. "Ich hab einfach Spaß gehabt", meinte Zdravkovic hinterher - und grinste so breit wie die gesamte Auslinie. Doch Gdansk gab nicht auf. Trotz Unterzahl und schwindender Kräfte erzielte Grzegorz Wilczek in der 68. Minute nach Vorlage von Adam Zuraw den Anschlusstreffer. Der Innenverteidiger drosch den Ball humorlos ins Netz - ein Tor, das Hoffnung gab. Kurz. Denn kaum zehn Minuten später, in der 78. Minute, machte Constantin Furtok mit einem wuchtigen Schuss das 1:3. Und wieder war es ein Mittelfeldmann, Grzegorz Chalaskiewicz, der den entscheidenden Pass spielte. Drei Minuten später dann die endgültige Entscheidung: Zdravkovic, erneut eiskalt, traf zum 1:4. Wieder Chalaskiewicz, wieder rechter Flügel, wieder Jubel in Rot-Weiß. "Wenn der Junge so weitermacht, kann er bald meine Position übernehmen", scherzte Trainer Stefan Petruck. Immerhin gelang Sebastian Mencel in der 83. Minute noch das 2:4. Nach einer Flanke des eingewechselten Damian Janas köpfte der 20-Jährige ein - und ließ die Fans zumindest kurz wieder klatschen. "Wir wollten zeigen, dass wir noch leben", sagte Trainer Matt später. "Leider war der Gegner quicklebendig." Das Spiel endete mit einem Gefühl, das man in Gdansk wohl kennt: viel Aufwand, wenig Ertrag. 39 Prozent Ballbesitz, ein Platzverweis, eine Verletzung (Adam Zuraw musste in der 74. Minute raus) - und trotzdem zwei Tore aus dem Nichts. "Wir waren mutig, aber auch naiv", resümierte Matt. "In Unterzahl gegen eine Mannschaft mit dieser Ballsicherheit - das ist, als wolle man mit einem Regenschirm einen Sturm aufhalten." Pruszkow hingegen spielte abgeklärt, fast erwachsen. 18-jährige Stürmer, 20-jährige Spielmacher, aber das Selbstbewusstsein einer Champions-League-Truppe. "Wir trainieren viel mit langen Pässen und schnellem Umschalten", erklärte Petruck. "Heute hat’s funktioniert. Morgen vielleicht nicht - aber heute feiern wir." Und das taten sie dann auch, ausgelassen in der Kabine, während draußen die letzten Fans von Gdansk noch hofften, der Bus würde sich verfahren. So startet SK Pruszkow also als Tabellenführer in die Saison - und BKS Gdansk mit der Erkenntnis, dass Ballbesitz schön ist, aber Tore schöner sind. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne seufzte: "Früher war mehr Beton." Ein sarkastisch-treuer Kommentar zum Schluss: Wenn Gdansk so weiterspielt, wird die Saison lang. Aber wenigstens nicht langweilig. 30.05.643990 00:04 |
Sprücheklopfer
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Lothar Matthäus