// Startseite
| Canadian Soccer |
| +++ Sportzeitung für Kanada +++ |
|
|
|
59.000 Zuschauer im ausverkauften "North Dome" in Toronto sahen am Donnerstagabend ein Halbfinale, das alles hatte: Tempo, Wucht, Emotion - und am Ende die falsche Mannschaft im Jubelrausch, wenn man die roten Toronto-Schals im Publikum betrachtete. Quebec Blues siegten mit 2:1 (1:1) und zogen in das Pokalfinale ein, während Toronto SC nach großem Kampf an sich selbst und an der Chancenauswertung scheiterte. Toronto begann, wie man ein Heim-Halbfinale beginnen sollte: mutig, offensiv, mit einem Schuss Übermotivation. Trainer Emil Steinberger hatte seine Jungs auf "Attacke!" eingestellt - und das war in den ersten Minuten deutlich zu hören. "Wir wollten den Blues früh die Lust am Spielen nehmen", erklärte Steinberger später mit leicht belegter Stimme, als hätte er selbst 90 Minuten Pressing gespielt. Die ersten Chancen gehörten Toronto: Harrison Lessard köpfte in der 9. Minute knapp drüber, und Lewis Boissieu prüfte Quebec-Keeper Martin Gontan bereits nach fünf Minuten. Doch wirklich belohnt wurde die Heimoffensive erst in der 32. Minute: Lewis McGrath, der 33-jährige Flügelveteran, zog elegant nach innen, steckte durch zu Oliver Carter - und Carter schob eiskalt zum 1:0 ein. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Mittelfeldmann, "und gehofft, dass Gontan kurz die Augen zumacht." Tat er offenbar. Doch kaum hatte Toronto sich an den Gedanken der Führung gewöhnt, kam der Dämpfer. Fünf Minuten später konterten die Quebec Blues in bestechender Klarheit. Guillaume Williamson flankte von rechts butterweich - und Lewis MacLaren vollendete per Direktabnahme zum 1:1. "Das war wie im Training", sagte MacLaren später mit einem Zwinkern. "Nur dass dort niemand 59.000 Leute schreien hört, wenn man trifft." Mit diesem Ergebnis ging es in die Pause. Die Statistiken sprachen leicht für Toronto: 52 Prozent Ballbesitz, mehr Pässe, aber weniger Zielstrebigkeit. Quebec dagegen: weniger Ball, mehr Gefahr. 15 Schüsse aufs Tor am Ende - das sagt alles über ihre Konsequenz. Die zweite Halbzeit begann hektisch. Toronto wollte wieder das Kommando übernehmen, aber das Mittelfeld wurde zunehmend zur blauen Zone. Williamson, der schon beim Ausgleich glänzte, wurde zum Mann des Abends. In der 62. Minute zog er selbst ab - nach einer Ecke, die eher zufällig bei ihm landete - und traf aus 18 Metern flach ins rechte Eck zum 2:1. Vorlage: Innenverteidiger Christophe Beyince, der nach vorn gestürmt war, als wollte er den Pokal persönlich aus dem Strafraum tragen. "Ich hab einfach gespürt, dass da was geht", sagte Williamson später, während er sich das Schweißband vom Arm zog. Trainer Gerd Froebe ergänzte trocken: "Guillaume spürt vieles - meistens, wenn’s uns hilft." Toronto stemmte sich mit aller Kraft gegen die drohende Niederlage. Carter, der überragende Spielmacher, versuchte es mit Distanzschüssen (61.), Lessard scheiterte gleich zweimal am glänzend reagierenden Gontan (57., 81.). Als dann auch noch Paulo Tiago in der 50. Minute Gelb sah, weil er beim Tackling etwas zu leidenschaftlich in Dieter Betz hineingerutscht war, schien der Schwung zu kippen. Die letzten zehn Minuten waren reines Herzblut. Steinberger gestikulierte wild an der Seitenlinie, rief "Höher! Noch höher!", woraufhin Verteidiger Henri Pienaar tatsächlich versuchte, als Mittelstürmer zu agieren. Vergeblich. "Wir hatten sie, wir hatten sie richtig", fluchte Steinberger nach dem Abpfiff, "aber wir haben’s liegen lassen. Vielleicht haben wir zu schön gespielt." Die Blues dagegen feierten ausgelassen. Lewis MacLaren tanzte mit den Fans, Torwart Gontan nahm sich ein Selfie mit der Eckfahne ("Für meine Mutter!"), und Coach Froebe grinste nur: "Man muss nicht den Ball haben, um das Spiel zu gewinnen. Nur die Tore." Toronto SC verabschiedet sich also mit erhobenem Kopf, aber leerem Pokal-Traum. Quebec Blues stehen verdient im Finale - dank Effizienz, Cleverness und einem Guillaume Williamson in Bestform. Und irgendwo in den Katakomben des Stadions hörte man Oliver Carter murmeln: "Nächstes Jahr holen wir’s. Und diesmal machen wir die Dinger rein." Ein schönes Schlusswort - nur wird’s ihm niemand glauben, bis der Ball wieder rollt. 10.05.644000 21:24 |
Sprücheklopfer
Ich denke, dass man stolz sein kann auf die Leistung von Schalke 04, wegen der Leistung.
Andreas Möller