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Raanana, 6. Januar 2026 - Wer an diesem kühlen Winterabend ins Stadion von Raanana kam, bekam ein Lehrstück in verpassten Chancen serviert. 36.030 Zuschauer sahen die Raanana Reds gegen Kiryat Shmona FC mit 0:0 - ein Ergebnis, das so gar nicht zu den Zahlen passte. 21 Torschüsse der Hausherren, 3 der Gäste, 54 Prozent Ballbesitz für Raanana - und am Ende? Leere Gesichter, aber immerhin keine leeren Ränge. Schon in der vierten Minute setzte Nicolas Fryer ein erstes Ausrufezeichen. Der 21-jährige Flügelflitzer zog von links in die Mitte und prüfte Keeper Eli Goldmann, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. "Ich dachte, das Ding ist drin", stöhnte Fryer später und raufte sich die Haare, die wohl schon mehr Ballkontakte hatten als der gegnerische Stürmer Jitzchak Solodkin in der ersten Halbzeit. Trainer Levi Ackerman stand da schon mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. "Wir haben gespielt, als wollten wir den Ball hypnotisieren, nicht ins Tor schießen", sagte er nach dem Spiel mit einem trockenen Lächeln. Seine Jungs kombinierten gefällig, schoben sich den Ball mit gefühlvollen Pässen zu - aber wenn es gefährlich wurde, stand immer irgendein blaues Bein im Weg. Kiryat Shmona dagegen kam mit einer klaren Idee: Beton anrühren, hoffen, dass vorne mal einer durchrutscht. Ihre Taktik hieß von Anfang bis Ende "DEFENSIVE - COUNTER - STRONG", und das verstand man wortwörtlich. Schon in der 17. Minute flog der erste Befreiungsschlag so hoch, dass er vermutlich noch immer in der Umlaufbahn ist. Ihr 17-jähriger Stürmer Solodkin hatte zwei Gelegenheiten (14. und 40. Minute), aber Raananas junger Keeper Mordechai Sahar blieb aufmerksam. "Ich hatte wenig zu tun, aber dafür umso mehr Zeit zum Nachdenken", witzelte der 19-Jährige nach Abpfiff. Das Spiel war, objektiv betrachtet, eine einseitige Angelegenheit. Fryer, Hanegbi, Rosenthal - alle probierten es reihum. In der 37. und 38. Minute schoss Fryer gleich doppelt, als wollte er den Ball mit purer Willenskraft durch den Torwart hindurchdrücken. Doch Goldmann war an diesem Abend der unbesungene Held. "Ich mag solche Spiele", sagte der Keeper nachher. "Man sieht viel Ball, aber keiner trifft. Das ist gut für mich." In der 58. Minute dann ein kurzer Schreckmoment: Miguel Salvadorez blieb nach einem Zweikampf liegen, musste behandelt und ausgewechselt werden. Für ihn kam Alexander Bail, der sofort versuchte, das Spiel zu ordnen. "Ich hatte kaum Zeit zum Aufwärmen", grinste Bail, "aber wenigstens war mir schnell warm - bei der Laufarbeit." Die Reds drängten weiter, doch statt Torjubel gab es Gelbe Karten: Ophir Vollach (25.), Mosche Itzhaki (70.) und Nahum Rosenthal (81.) machten klar, dass Leidenschaft auch mal weh tun darf. Kurz vor Schluss (96.) erwischte es sogar Innenverteidiger Jakub Szewczyk, der sich über einen nicht gegebenen Eckball zu laut beschwerte. "Ich wollte nur fragen, ob der Schiedsrichter vielleicht kurz weggeschaut hat", verteidigte er sich später mit einem breiten Grinsen. Levi Ackerman hatte nach dem Schlusspfiff Mühe, das 0:0 schönzureden. "Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen. Sie haben alles versucht - nur das Netz wollte nicht." Sein Gegenüber Ivan Murganovic hingegen strahlte, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen: "Ein Punkt hier ist wie ein Sieg. Wir haben uns an unseren Plan gehalten: Mauern, beten, durchhalten." Taktisch wirkte das Ganze wie ein Schachspiel mit 21 Figuren auf einer Seite und einem Turm auf der anderen. Raanana spielte "BALANCED", also ausgewogen - was in diesem Fall bedeutete: viel Ball, wenig Ertrag. Kiryat Shmona verteidigte mit stoischer Ruhe, als würde Zen-Buddhismus im Strafraum praktiziert. In der Nachspielzeit noch einmal Aufregung: Herbert Beckmann, der 33-jährige Dauerläufer im Sturm, kam in der 94. Minute frei zum Schuss - und setzte den Ball aus zwölf Metern über das Tor. Das Raunen im Stadion klang wie ein kollektives Seufzen. "Ich hab den Ball zu gut getroffen", erklärte Beckmann später entschuldigend. "Das passiert, wenn man zu viel will." So blieb es beim 0:0, das für die Statistikfreunde ein Rätsel und für die Fans eine Geduldsprobe war. 21 Torschüsse, 53,9 Prozent Ballbesitz, 57,7 Prozent gewonnene Zweikämpfe - normalerweise reicht das für ein klares Ergebnis. Aber Fußball ist bekanntlich kein Mathematikunterricht. Beim Verlassen des Stadions sagte ein älterer Fan kopfschüttelnd: "Wenn’s Punkte fürs Schönspielen gäbe, hätten wir heute gewonnen." Neben ihm nickte ein Junge im Raanana-Trikot und meinte: "Aber wenigstens war’s spannend - irgendwie." Und genau das war es: ein Abend voller Energie, Emotionen und der ewigen Frage, wie man ohne Tore trotzdem so viel Unterhaltung bieten kann. Bleibt festzuhalten: Die Raanana Reds haben alles gegeben - und Kiryat Shmona hat alles gehalten. In der Liga-Tabelle bringt das beiden wenig, aber für die Geschichtsbücher immerhin eine Erkenntnis: Auch ein 0:0 kann laut sein, wenn 36.000 Menschen kollektiv aufstöhnen. 28.03.643987 09:50 |
Sprücheklopfer
Wir wissen alle, dass Mario nicht gesagt hat, was er gesagt hat, was er gesagt haben soll, dass er es gesagt hat.
Berti Vogts