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Es war ein kalter Januarabend in Kahl, aber die 2056 Zuschauer im Stadion brauchten keine Glühweinwärmer - das Spiel zwischen Viktoria Kahl und Wirges brachte genug Spannung, um alle wach zu halten. Am Ende stand ein 1:1 auf der Anzeigetafel, ein Ergebnis, das beiden Teams schmeckte wie lauwarmer Tee: besser als nichts, aber weit entfernt von einem Festmahl. Schon in der 7. Minute bebte die Tribüne, als der erst 19-jährige Heinrich Marx den Ball nach einem feinen Zuspiel von seinem Sturmpartner Maik Weiss trocken ins linke Eck drosch. 1:0 für die Viktoria - und das Publikum sang (in nicht zitierfähiger Euphorie) vom Aufstieg. Trainer Rainer Zufall - ja, der Name ist Programm - sprang an der Seitenlinie auf und rief seinem Team zu: "Genau so haben wir das gestern im Training nicht einstudiert!" Die frühe Führung beflügelte die Kahler, die mit jugendlicher Unbekümmertheit nach vorne spielten. Marx und sein Kollege Heinz Haase wirbelten über die Flügel, während Robert Westphal im Mittelfeld den Spielmacher gab - allerdings mit der Präzision eines Navigationsgeräts, das auf "ungefähr" eingestellt ist. Trotzdem: Die ersten 30 Minuten gehörten den Gastgebern. Elf Torschüsse im gesamten Spiel, viele davon in der Anfangsphase, zeigten, dass Kahl nicht zum Zuschauen gekommen war. Dann aber fand Wirges langsam in die Partie. Mit fast 60 Prozent Ballbesitz ließen sie den Ball zirkulieren, als wollten sie die Kahler in den Schlaf hypnotisieren. Besonders auffällig: der 23-jährige Olav Köhler, der gleich viermal gefährlich abschloss, aber jedes Mal an Torwart Hanns Adam scheiterte, der an diesem Abend mehr Hände zu haben schien, als der Regelkatalog erlaubt. "Wir wollten kompakt stehen und über Konter gefährlich werden", erklärte Wirges-Trainer Berndt Neubauer (kein Verwandter des Kahler Ersatzstürmers gleichen Namens) nach dem Spiel. "Nach dem Gegentor haben wir etwas gebraucht, aber dann haben wir gezeigt, dass wir auch Fußball spielen können." Das stimmt. In der zweiten Halbzeit wurden die Gäste immer dominanter. Viktoria Kahl, die in der ersten Hälfte noch offensiv aufgetreten war, begann zu schwimmen. Spätestens ab der 60. Minute war der Ballbesitz einseitig verteilt - 59 Prozent für Wirges, gefühlt 90. Kahls Trainer Zufall reagierte, brachte den jungen Jannik Neumann für den erschöpften Westphal und später Jakob Hennig für den wackelnden Innenverteidiger Swen Kiefer. "Wir wollten Stabilität reinbringen", sagte Zufall nach dem Spiel und fügte mit einem Grinsen hinzu: "Hat ja fast geklappt." Fast - denn in der 72. Minute war es soweit: Wirges belohnte sich. Nach einem präzisen Pass des erfahrenen Hartmut Röder schob Lennard Holz, ebenfalls 28, den Ball überlegt ins Eck. 1:1. Ein Tor, das so ruhig und abgeklärt war, dass man kurz vergaß, dass es hier um die Landesliga ging. Die Schlussphase gehörte wieder Kahl. Der eingewechselte Niko Neubauer hatte in der Nachspielzeit den Sieg auf dem Fuß, doch sein Schuss in der 92. Minute strich knapp am Pfosten vorbei - das Raunen der Zuschauer klang wie ein kollektives "Nicht schon wieder!". Zwei Gelbe Karten gab’s für die Hausherren obendrauf - Janis Schulze (37.) und der eingewechselte Hennig (73.) hielten ihre Gegenspieler etwas zu leidenschaftlich fest. "Wir haben uns reingeworfen, vielleicht zu sehr", meinte Schulze später mit einem Schulterzucken. "Aber lieber Gelb als gar keine Farbe im Spiel." Statistisch betrachtet war Wirges die reifere Mannschaft: 15 Torschüsse, besseres Passspiel, mehr Ballbesitz. Aber Viktoria Kahl hatte Herz, Einsatz und einen Heinrich Marx, der an diesem Abend zeigte, dass Talent keine Frage des Geburtsjahres ist. "Wir sind jung, wir lernen", sagte Marx nach dem Spiel, während er sich den Schlamm von den Stutzen kratzte. "Heute haben wir halt Lehrgeld bezahlt - halbes Lehrgeld, würde ich sagen." Am Ende blieb es beim gerechten 1:1. Wirges nahm einen Punkt mit, Kahl ebenfalls - und beide Trainer konnten sich einreden, dass das Ergebnis "in Ordnung" war. Nur die Fans hätten sich wohl mehr gewünscht als ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte des "Hätte, Wenn und Aber". Rainer Zufall verabschiedete sich mit einem Achselzucken und einem Satz, der das Spiel perfekt zusammenfasst: "Manchmal ist Fußball eben keine Wissenschaft. Und manchmal ist das Pech auch einfach nur gut trainiert." Ein Satz, den man sich merken sollte - zumindest bis zum nächsten Spieltag. 28.03.643987 12:55 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon