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Wenn man 23.749 frierende, aber erstaunlich gut gelaunte Zuschauer an einem frostigen Januarabend zu einem 1:1 schickt, muss wenigstens das Drama stimmen. Und das tat es: Der SC Weimar und der TuS Hordel lieferten sich am 3. Spieltag der 2. Liga einen Schlagabtausch, der weniger durch Spektakel als durch taktisches Schach geprägt war - mit einem Ergebnis, das beide Trainer vermutlich schon zur Halbzeit ahnten. Weimar begann unter Trainer Pino Zimmermann, als hätte man die Anweisung bekommen, das eigene Tor als Museumsstück zu behandeln: bitte nicht anfassen. Defensiv, diszipliniert, mit Ballbesitzvorteil (52 Prozent), aber wenig Risiko. "Wir wollten das Spiel kontrollieren, nicht verschenken", erklärte Zimmermann später mit einem Lächeln, das so frostig war wie die Flutlichtluft. Und doch schien der Plan aufzugehen. In der 14. Minute nutzte Balazs Hamsik - der ungarische Mittelstürmer mit der Körpersprache eines gelangweilten Künstlers - seine erste gute Gelegenheit. Nach einem butterweichen Pass von Rechtsverteidiger Jannik Hansen zog Hamsik aus zentraler Position ab und traf flach ins rechte Eck. 1:0. Das Stadion jubelte, Hamsik deutete ein Herzzeichen an - ob für die Fans oder den eigenen Torinstinkt, blieb offen. "Ich stand einfach richtig", grinste er später. "Und der Ball war so nett, auch mitzumachen." TuS Hordel, von Ute Finkeldy offensiv eingestellt, ließ sich davon kaum beeindrucken. Schon in den ersten 20 Minuten hatte Marvin Fink, der rechte Flügelstürmer mit der Schussfrequenz einer Maschinenkanone, gleich vier Mal aufs Tor gezielt - allerdings mit dem Zielwasser eines Kaffeetrinkers um Mitternacht. "Ich dachte, einer geht halt mal rein", stöhnte Fink. "Aber Jonas Decker im Weimarer Tor hat einfach alles gerochen. Vielleicht hat er vorher meinen Instagram-Feed studiert." Nach der Pause kam Bewegung ins Spiel - besonders bei Hordel. Finkeldy wechselte gleich dreifach: frische Beine, frische Hoffnung. Besonders der junge Tiago Valente belebte die rechte Seite. Und tatsächlich war es der 20-Jährige, der in der 61. Minute den Ausgleich erzielte. Nach einem schnellen Flügelangriff von Marwin Rodriguez kam der Ball zu Valente, der mit links trocken ins kurze Eck vollendete. 1:1 - und plötzlich war die Partie offen wie eine Spätschicht-Kneipe. "Ich hab einfach gemacht, was Coach Ute sagte: draufhalten, wenn Platz ist", meinte Valente nach dem Spiel mit schelmischem Grinsen. Trainerin Finkeldy nickte stolz: "Der Junge hört zu. Das ist im modernen Fußball schon die halbe Miete." Weimar wirkte nun etwas ratlos. Zimmermann reagierte mit den mathematisch möglichen Einwechslungen: Oliver Winkler kam für den blassen Youngster Detlev Hanke, später Jannick Hanke (nicht verwandt, aber ebenso solide) für den müden Arne Moll. Doch statt frischer Ideen gab’s Gelbe Karten - Björn Schöne (64.) und Jannik Hansen (79.) sammelten sie, als wären es Payback-Punkte. Hordel witterte die Chance auf den Sieg, drückte in der Schlussphase - und hatte sie fast: Ernst Kunkel, 20 Jahre jung, schoss in der 86., 87. und 94. Minute jeweils knapp vorbei. Drei Versuche, drei "Uff"-Momente auf der Tribüne. "Ich hab gedacht, irgendwann muss das Netz doch mal nachgeben", lachte Kunkel später. "Aber anscheinend war’s heute aus Kevlar." Statistisch sah Hordel sogar einen Tick besser aus: 13 Torschüsse zu Weimars 9, eine leicht höhere Zweikampfquote (51,3 Prozent). Doch am Ende blieb es beim gerechten Remis. "Manchmal ist 1:1 die ehrlichste aller Zahlen", sinnierte Finkeldy in der Pressekonferenz. Zimmermann nickte - oder fror, man war sich nicht sicher. Die Zuschauer gingen zufrieden nach Hause: Sie hatten Tore gesehen, Spannung gespürt und - das ist in Weimar keine Selbstverständlichkeit - keine Defensivkatastrophe erlebt. Ein älterer Fan fasste es auf dem Weg zum Parkplatz zusammen: "War nix zum Aufregen, aber auch nix zum Einschlafen. Also perfekt für ’nen Freitagabend." So endet ein Spiel, das keiner wirklich verlor, aber auch keiner wirklich gewann - ein taktisches Remis mit Stil, Pfeffer und ein bisschen ironischer Selbstkontrolle. Vielleicht der Inbegriff der 2. Liga: ehrlich, unaufgeregt, aber mit Herz. Oder, wie Balazs Hamsik es mit einem Schulterzucken sagte: "Wenn man schon nicht siegt, dann wenigstens mit Würde - und warmen Füßen." 21.02.643987 23:50 |
Sprücheklopfer
Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.
Fredi Bobic