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Es war ein frostiger Samstagabend im Retzer Stadion, 32.000 Zuschauer trotzten der Kälte und bekamen ein Spiel serviert, das von Anfang an nur eine Richtung kannte: nach vorn, zumindest aus Sicht der Hausherren. Am Ende stand ein 2:1‑Erfolg für Retz gegen Austria Wels - ein Ergebnis, das weniger über den Spielverlauf aussagt, als die nackten Zahlen: 16 Torschüsse zu 4, 57 Prozent Ballbesitz und zwei Tore eines Mannes, der an diesem Abend alles andere als eiskalt war - Carlos Ze Castro. "Ich habe einfach geschossen, weil ich keine Lust mehr auf Pfosten hatte", grinste der doppelte Torschütze später in der Mixed Zone. Man konnte ihm glauben, denn schon in der ersten Halbzeit hatte Ze Castro dreimal vergeblich gezielt, während sein Sturmpartner Josef Bischara aus allen Lagen prüfte, ob der Welser Keeper Dieter Foerster noch wach war. Der war es - und wie: In der 33. Minute kratzte er einen Kopfball aus dem Winkel, in der 40. hielt er mit den Fingerspitzen gegen den gleichen Ze Castro. Austria Wels hingegen brachte in den ersten 45 Minuten kaum Entlastung zustande. Trainer Großvater Dragon hatte seine Elf defensiv eingestellt - "wir wollten erstmal sehen, ob Retz wirklich so offensiv ist, wie alle sagen", erklärte er trocken - und sah dann, dass Retz tatsächlich so offensiv war, wie alle sagen. Die zweite Halbzeit begann mit einem ähnlichen Bild: Retz drückte, kombinierte, schoss - und endlich belohnte sich das Team. In der 58. Minute legte Leopold Kona elegant quer, und Ze Castro schob aus zwölf Metern zur verdienten Führung ein. Trainer Holger Thonke riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Ich hab’ in der Pause gesagt, Jungs, irgendwann muss so ein Ball ja mal reinfallen. Hat geholfen", lachte er später. Doch wer dachte, die Partie sei entschieden, unterschätzte die jungen Wilden aus Wels. Dragon brachte drei Teenager binnen zehn Minuten - Julius Hennig, Christopher Ross und Alexander Schmidt - und plötzlich wehte ein anderer Wind. Schmidt, gerade 18 Jahre alt, war kaum auf dem Platz, da traf er in der 74. Minute nach Vorarbeit von Linksverteidiger Ewan Florit zum überraschenden Ausgleich. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Schmidt ehrlich zu, "aber der Ball war dann halt drin." Das Stadion murmelte, Retz wackelte kurz - und fing sich wieder. Robert Sebo, der zuvor Gelb gesehen hatte, rackerte im Mittelfeld, während Filip Jelic und Horst Löffler das Spiel wieder an sich rissen. Dann kam die 88. Minute: Jelic spielte einen Pass in die Tiefe, Ze Castro startete, wie nur Spieler starten, die wissen, dass sie heute nicht mehr daneben schießen werden - und vollendete eiskalt zum 2:1. Die Zuschauer tobten, Thonke sprang seinem Co‑Trainer in die Arme, und selbst der Stadionsprecher klang kurz euphorisch. "Carlos Ze Castro - der Mann, der das Einmaleins des Torerzielens studiert hat!", rief er ins Mikro, während Ze Castro breit grinste und beide Daumen hob. Wels versuchte noch einmal Druck aufzubauen, kam aber gegen die stabile Retzer Defensive kaum durch. In der Nachspielzeit verhinderte Burhan Karaca im Tor mit einer artistischen Parade den späten Ausgleich - und fiel danach theatralisch auf den Ball, als wolle er ihn nie wieder hergeben. "Ich hab ihn festgehalten, weil ich wusste: Wenn ich ihn loslasse, fängt das Drama nochmal an", witzelte der Keeper nach Abpfiff. Statistisch betrachtet war der Sieg hochverdient. Retz hatte mehr vom Spiel, mehr Chancen und mehr Mut. Wels verteidigte tapfer, aber die defensive Grundordnung (Dragon blieb auch beim Stand von 1:1 stoisch bei "Defensive, Passspiel lang") war am Ende der Sargnagel. Coach Thonke fasste es auf seine Art zusammen: "Wir haben gespielt, als ginge’s um den letzten freien Tisch beim Heurigen - mit Nachdruck und Hunger." Großvater Dragon hingegen nahm die Niederlage gelassen: "Wenn man mit 18‑jährigen Jungs spielt, muss man Fehler einkalkulieren. Heute war’s halt einer zu viel." So bleibt am Ende ein verdienter Sieg für Retz, ein doppelter Held namens Ze Castro und ein Gegner, der etwas fürs Leben gelernt hat: Wer zu lange hinten drin steht, sieht irgendwann nur noch die Rücklichter des Siegers. Und irgendwo in der Kabine summte jemand: "Retz, Retz, Baby." Aber das war, versteht sich, natürlich nur Zufall. 09.04.643987 08:10 |
Sprücheklopfer
Wir sind insgesamt so gefestigt, dass jeder die Meinung des Trainers akzeptiert.
Dieter Eilts