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Wer am Freitagabend ins Estadio del Río gekommen war, bekam eine Vorstellung geboten, die irgendwo zwischen südamerikanischer Spielfreude und taktischer Präzision lag. CF Rio Boston besiegte CD Cerrense mit 2:0 (1:0), und das Ergebnis war so verdient wie der Applaus der 32.032 Zuschauer, die sich nach Abpfiff mit einem Lächeln auf den Heimweg machten - zumindest die meisten von ihnen. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball auch tanzen können, nicht nur laufen", grinste Trainer Reini Stöger später mit einem Zwinkern. Und tatsächlich: Seine Mannschaft tanzte. Von der ersten Minute an presste Rio Boston nicht, aber sie spielten mit so viel Ballgefühl, dass man meinen konnte, sie hätten ihn gar nicht hergeben wollen. 57,5 Prozent Ballbesitz sprechen eine klare Sprache, und 15 Abschlüsse aufs Tor unterstreichen, dass die Hausherren nicht nur Kreise zogen, sondern auch den Abschluss suchten. Schon früh deutete sich an, dass Necmettin Cakmak, der flinke Linksaußen, einen dieser Abende erwischt hatte, an denen er mit dem Ball Dinge anstellt, die gegen die Gesetze der Physik verstoßen. In der 25. Minute war es dann soweit: Tiago de Almeida flankte mustergültig von rechts, Cakmak schlich sich zwischen zwei Verteidiger, nahm den Ball volley - und ließ Cerrense-Keeper Thierry Benveniste keine Chance. 1:0, und das Stadion bebte. CD Cerrense versuchte, darauf zu reagieren, aber ihre Angriffe wirkten, als wären sie durch Kaugummi gelaufen. Coach Leahcim Gnipeur schrie sich die Seele aus dem Leib - "Mehr über die Flügel, verdammt nochmal!" -, doch seine Männer fanden keinen Rhythmus. Vier magere Torschüsse sind der Beweis, dass hier eher Verzweiflung als Konzept herrschte. Kurz vor der Pause kassierte Rio Bostons Jacob Dewey noch Gelb für ein rustikales Einsteigen - laut eigenem Bekunden "nur ein freundlicher Schulterklopfer". Sein Trainer kommentierte trocken: "Wenn das freundlich war, möchte ich ihn nicht wütend sehen." Die zweite Hälfte begann, wie die erste geendet hatte: Rio Boston spielte, Cerrense lief hinterher. In der 48. Minute dann der zweite Streich - diesmal in umgekehrter Rollenverteilung. Cakmak tankte sich über links durch, legte quer, und Ingvar Geirsson, der isländische Mittelfeldmotor mit der Ruhe eines Schachgroßmeisters, schob die Kugel überlegt ins lange Eck. 2:0 - Spiel entschieden, Stadion in Ekstase. "Ich hab’ nur gehofft, dass Necmettin nicht wieder einen Trick mehr macht, sonst wär’ ich im Abseits gestanden", lachte Geirsson nach dem Spiel. Cerrense hatte danach noch eine Chance durch den jungen Kay Schäfer, doch Torhüter Petri Sainio machte dicht. Kurz darauf verletzte sich Cerrenses Duarte Galindo ohne Fremdeinwirkung und musste ausgewechselt werden. Für ihn kam Sean MacPhee, der versuchte, mit Frische und Tempo neue Impulse zu setzen - vergeblich. Rio Boston spielte die verbleibenden Minuten souverän herunter, als wäre das Ergebnis in Stein gemeißelt. Selbst als Karel Pospech in der 88. Minute Gelb sah, blieb die Stimmung gelassen. "Der Schiri wollte wohl auch mal in die Statistik", murmelte ein Fan hinter der Pressebank. Statistisch war der Abend ohnehin klar verteilt: 15:4 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, und das Gefühl, dass Rio Boston jederzeit noch einen Gang höher hätte schalten können. Cerrense dagegen wirkte, als hätten sie im falschen Film mitgespielt - ein Drama statt eines Actionstreifens. Nach dem Schlusspfiff umarmte Stöger seinen Torjäger Cakmak und sagte hörbar: "Heute warst du unser Dirigent, Junge." Der grinste breit und antwortete: "Dann war der Ball wohl mein Orchester." Coach Gnipeur nahm die Niederlage sportlich: "Wir haben alles versucht, aber manchmal spielt der Gegner einfach besser. Heute war einer dieser Tage. Nächste Woche wollen wir wieder mehr sein als Statisten." So endete ein Abend, der für Rio Boston fast wie ein Trainingsspiel wirkte - nur mit schönerem Publikum. Zwei Tore, drei Punkte, eine Machtdemonstration. Und während die Flutlichter erloschen, summte das Stadion noch leise: "So spielt man Fußball in Rio." Ein augenzwinkerndes Schlusswort? Vielleicht dieses: Wenn CF Rio Boston weiter so auftritt, müssen die Gegner künftig wohl mehr als nur Laufschuhe mitbringen - vielleicht auch Tanzschuhe. 20.12.643987 20:20 |
Sprücheklopfer
Abgestiegen ist man, wenn man abgestiegen ist.
Holger Fach