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Es war ein Abend, an dem die 59.000 Zuschauer im Monumental-Stadion von Buenos Aires mehr als nur Fußball bekamen. Sie bekamen Emotionen in Reinform: Jubel, Verzweiflung, Gelbe Karten und ein verletzter Mittelfeldspieler, der beim Abgang mehr Applaus erhielt als manch Torschütze. Am Ende hieß es 2:2 zwischen River Plate und Huracán - ein Ergebnis, das auf dem Papier nach Gerechtigkeit aussieht, aber auf dem Rasen ganz anders schmeckte. Schon nach sechs Minuten rieben sich die River-Fans die Augen: Huracáns Slatko Berbatow, ein Stürmer alter Schule, der aussieht, als sei er direkt aus einem 90er-Jahre-Sammelalbum entstiegen, nutzte die erste Unachtsamkeit der River-Abwehr und schob eiskalt zum 0:1 ein. "Ich hab einfach geschossen, weil keiner kam", grinste Berbatow später. "Manchmal ist das die beste Taktik." Doch River Plate antwortete prompt. Nur drei Minuten später kombinierten sich Juhani Hjelm und Teemu Litmanen durch die linke Seite, und Litmanen drückte den Ball ins Netz - 1:1, und das Stadion bebte. "Wir wollten zeigen, dass wir wach sind", erklärte der Finne mit dem trockenen Humor eines Mannes, der weiß, dass er gleich noch ein paar Freistöße schießen darf. In der 19. Minute dann die Führung für River: Hjelm, erneut der Taktgeber im Mittelfeld, legte clever für Marcio Goncalves ab, der mit einem präzisen Flachschuss ins rechte Eck traf. Trainer Eduard Hahn riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "So spielt man Fußball, Jungs!", soll er Richtung Bank gebrüllt haben - zumindest laut dem vierten Offiziellen, der sich ein Grinsen kaum verkneifen konnte. Zur Pause führte River Plate 2:1 und hatte das Spiel im Griff. 63 Prozent Ballbesitz, zwölf Torschüsse gegenüber mageren drei von Huracán - die Statistik sprach eine deutliche Sprache. Doch Fußball hat bekanntlich Humor, und der ist selten freundlich. In der 58. Minute setzte Huracán zum Gegenkonter des Abends an. Linksverteidiger Nevio Veloso lief sich frei, flankte butterweich in den Strafraum, und Peter Kohut köpfte zum 2:2 ein. Torwart François Ouellet streckte sich vergebens - der Ball küsste das Netz, als wolle er sagen: "Überraschung!" "Wir wollten die zweite Halbzeit aggressiver angehen", erklärte Huracán-Coach Diego Simeone nach dem Spiel mit seiner typischen Mischung aus Glut und Gelassenheit. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon weniger Ball habt, dann wenigstens mehr Herz." Und tatsächlich: Huracán spielte fortan so, als sei jeder Zweikampf eine Frage der Ehre. River Plate dagegen verlor nach dem Ausgleich etwas die Linie. Litmanen scheiterte in der 67. Minute aus kurzer Distanz, Agustin Custodio prüfte Torhüter Czibor in der 75. Minute - doch der Ball wollte einfach nicht mehr rein. "Vielleicht war das Tor beleidigt", witzelte Litmanen später im Kabinengang. Dann wurde es hitzig: Dejan Jevtic sah in der 78. Minute Gelb, nachdem er Berbatow mit einem rustikalen Tritt an die Seitenlinie erinnerte, dass Verteidiger auch Gefühle haben. Kurz darauf verletzte sich Huracáns Freddie Broderick ohne Fremdeinwirkung und musste ausgewechselt werden - ein bitterer Moment, den selbst die River-Fans mit höflichem Applaus begleiteten. In der Schlussphase drückte River noch einmal. Hahn brüllte Anweisungen, die vermutlich bis zur Avenida del Libertador zu hören waren. Doch der Ballbesitz (über 63 Prozent) blieb letztlich brotlose Kunst. Huracán verteidigte mit Simeone-typischem Zynismus: tief, kompakt, und mit jener Mischung aus Glück und Zähigkeit, die man nur in Argentinien findet. Nach dem Schlusspfiff schüttelten sich beide Trainer die Hände - Hahn mit einem gequälten Lächeln, Simeone mit der Miene eines Mannes, der weiß: Ein Punkt im Monumental ist mehr als ein Punkt. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber das Ergebnis nicht", sagte Hahn auf der Pressekonferenz. "Aber vielleicht ist das die Definition von Fußball." Und so ging ein Abend zu Ende, an dem River Plate die Schönheit des Spiels zelebrierte - und Huracán die Effizienz. Zwischen den beiden stand der Fußballgott, der sich offenbar nicht entscheiden konnte, wen er mehr mag. Ein 2:2, das sich für River Plate wie eine Niederlage und für Huracán wie ein kleiner Sieg anfühlte. Oder, um es mit den Worten von Simeone zu sagen: "Manchmal ist das Unentschieden das ehrlichste Ergebnis - auch wenn keiner es hören will." Ein Abend voller Drama, Taktik und Tragikomik - kurz: argentinischer Fußball in Reinkultur. 06.03.643987 07:22 |
Sprücheklopfer
Mal verliert man und mal gewinnen die anderen.
Otto Rehhagel