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Ein kalter Februarabend in Sangiustese, die Flutlichter flackern, und 6868 Zuschauer versuchen, sich mit Stadionwürstchen und heißem Kaffee warmzuhalten. Dass sie stattdessen von Rodengo Saiano warmgespielt würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl nur Trainer Jan Beyer, der schon vor dem Anpfiff mit einem zufriedenen Grinsen an der Seitenlinie stand. Nach 90 Minuten hieß es 0:3 (0:1) - ein Ergebnis, das so deutlich war wie die Hierarchie auf dem Rasen. Von Beginn an legten die Gäste los, als wollten sie den Heimrasen umpflügen. Bereits nach drei Minuten prüfte Vincenzo Cerutti den Heimkeeper Ralph Sonnenschein, der seinem Namen an diesem Abend alle Ehre machte - zumindest in der ersten halben Stunde. In der 28. Minute war dann aber auch Sonnenschein machtlos: Cerutti, gerade einmal 19 Jahre jung, vollendete nach feinem Zuspiel von Giacomo Morabito zum 0:1. "Ich wollte einfach nur abdrücken, bevor mich einer hält", grinste der Teenager später in die Kameras. Sangiustese versuchte zu antworten, doch ihre vier Torschüsse blieben mehr symbolischer Natur. Miguel Arias, immerhin 34 und damit fast doppelt so alt wie Cerutti, zog zwei Mal beherzt ab - beide Male direkt in die Arme des Gästekeepers Igor Zunino, der ansonsten wenig Gelegenheit hatte, sich aufzuwärmen. Der Ballbesitz war mit knapp 49 zu 51 Prozent zwar ausgeglichen, aber was die Gäste mit dem Ball machten, hatte schlicht mehr Sinn und Ziel. Rodengo Saiano spielte weiter munter nach vorne, offensiv ausgerichtet, aber erstaunlich gelassen. Kein wildes Pressing, keine Hektik - einfach saubere Pässe, geduldiger Aufbau, und dann dieser plötzliche Stich in die Tiefe. "Wir wollten kontrollieren, nicht zerstören", fasste Trainer Beyer später zusammen, "und ehrlich gesagt: Gegen so eine Defensive kann man sich ruhig Zeit lassen." Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig, außer dass das Ergebnis bald klarer wurde. In der 55. Minute schlug Emanuele Soverato zu, nachdem ihn der flinke Gaetano Uffugo auf dem rechten Flügel glänzend bedient hatte. 0:2 - und spätestens jetzt wirkte Sangiustese wie eine Band, die ihr Instrument verloren hat. "Ich hab’ ihn einfach gesehen und gedacht: Jetzt oder nie", sagte Soverato, der danach wie ein erfahrener Ballettlehrer elegant abklatschte. Während Sangiustese auf den Lucky Punch hoffte, schoss Rodengo Saiano einfach weiter. 18 Schüsse insgesamt - die Latte vibrierte, die Fans jubelten, und die Gastgeber verteidigten mit der Verzweiflung einer Mannschaft, die ahnt, dass dieser Abend kein Happy End bekommen wird. In der 86. Minute setzte Uffugo selbst den Schlusspunkt. Nach Vorarbeit von Lorenzo Cerva traf der 19-Jährige zum 0:3 und rutschte jubelnd auf den Knien in Richtung Gästeblock. "Ich hab’s einfach gespürt", meinte er später mit einem Augenzwinkern - und man glaubte es ihm. Die letzten Minuten waren Schaulaufen: Beyer gönnte Cerutti in der 89. Minute den verdienten Applaus und brachte Antonio Cocco. Der Veteran klopfte dem Youngster auf die Schulter, als wollte er sagen: "Junge, so fängt’s an." Auf der anderen Seite stand Sangiustese ratlos im eigenen Stadion. Trainerstimmen waren nach dem Spiel rar, zu groß war die Enttäuschung. Ein Spieler murmelte nur: "Wir haben’s versucht - aber die waren einfach überall." Statistisch sprachen die Zahlen eine klare Sprache: 18:4 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Rodengo, und ein Gegner, der zwar kämpfte, aber nie wirklich gefährlich wurde. Vielleicht war es einfach ein Generationentreffen mit ungleichen Waffen: Da die erfahrenen, etwas behäbigen Routiniers aus Sangiustese, dort die jungen Wilden aus Rodengo Saiano, die mit Leichtigkeit, Tempo und Spielfreude glänzten. "Wir genießen den Moment, aber bleiben ruhig", sagte Coach Beyer zum Schluss. "Die Jungs sollen jetzt erst mal ihren Kakao trinken - sie sind ja noch halbe Kinder." Ein Abend, der zeigt: Jugend und Mut sind manchmal die beste Taktik. Und in Sangiustese wird man wohl noch eine Weile über diese 90 Minuten sprechen - vermutlich nicht mit Begeisterung, aber sicher mit Respekt. 15.07.643990 06:36 |
Sprücheklopfer
Die Bayern vertragen keine Härte, und ich bin der erste, der anfängt damit.
Torsten Legat vor dem Spiel VfB Stuttgart gegen Bayern München 1996