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8750 Zuschauer im kleinen Stadion von Rodengo Saiano erlebten am Mittwochabend einen dieser Abende, die man in der dritten italienischen Liga sonst selten bekommt: Spektakel, Emotionen, einen Platzverweis - und einen Heimsieg, der sich gewaschen hat. Rodengo Saiano besiegte den Favoriten US Lazio mit 4:2 (1:1) und zeigte dabei eine Mischung aus jugendlichem Übermut und taktischer Unbekümmertheit, die Trainer Jan Beyer nach dem Spiel mit einem schiefen Grinsen kommentierte: "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen einfach Spaß haben - dass sie dabei Lazio überrollen, stand nicht im Plan." Dabei sah es zunächst gar nicht nach einem Triumph der Hausherren aus. Die Römer, mit 58 Prozent Ballbesitz und mehr als einem Dutzend Torschüsse, bestimmten die Anfangsphase. Schon nach 25 Minuten traf Luca Fiore, der 32-jährige Linksaußen, nach feinem Zuspiel von Marco Puddu zur verdienten Führung. "Wir wollten ihnen zeigen, dass wir hier Chef im Ring sind", sagte Fiore später - ein Satz, der mit dem Abpfiff wohl eher als bittere Ironie durchging. Denn nur acht Minuten später schlug Rodengo Saiano zurück: Alessandro Vegliaturo, 22 und offenbar mit Frühlingsgefühlen im linken Fuß, vollendete aus spitzem Winkel zum 1:1. Der Ball zischte so präzise in den Winkel, dass Lazio-Keeper Noah Witte nur noch hinterherblickte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Witte nach dem Spiel in den Katakomben, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Nach der Pause nahm das Spiel Fahrt auf - oder besser gesagt: Rodengo Saiano nahm das Gaspedal fest in beide Hände. Vegliaturo legte in der 55. Minute nach, diesmal nach Vorarbeit von Giorgio Bianchi, und drehte das Spiel zur 2:1-Führung. Das Stadion bebte, und Trainer Beyer schrie in Richtung seiner Ersatzbank: "So, jetzt wird’s interessant!" Doch Lazio gab sich noch nicht geschlagen. Nur sechs Minuten später glich Willem Vrooman mit einem klassischen "Tor des Willens" aus - ein Abstauber nach einer unübersichtlichen Strafraumszene, in der gefühlt jeder einmal am Ball war. Assistgeber Federico Grimaldi reckte danach entschuldigend die Hände: "Eigentlich war das ein Pass auf den Torwart", grinste er. Das 2:2 hielt allerdings nur drei Minuten. Dann kam Vincenzo Cerutti, 20 Jahre jung, blitzschnell und eiskalt. Nach Zuspiel des eingewechselten Domenico Roggiano drückte er den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. 3:2 - und das Stadion stand Kopf. "Ich hab einfach geschossen, weil ich keine Lust auf Verlängerung hatte", witzelte Cerutti später in der Mixed Zone. In der 74. Minute machte Luca Cariati endgültig den Deckel drauf. Der 21-Jährige, ebenfalls ein Eigengewächs, traf nach Vorarbeit von Bianchi zum 4:2. Ein Tor, das an Leichtigkeit kaum zu überbieten war - ein Hauch von brasilianischer Spielfreude in der Lombardei. Lazio-Coach, der sich den Namen nicht nennen lassen wollte ("Schreiben Sie einfach: ein enttäuschter Römer"), war danach bedient: "Wir hatten mehr Ballbesitz, mehr Chancen, mehr Haare in der Suppe - nur keine Punkte." Die Schlussphase bot dann noch eine Prise Drama: In der 77. Minute sah Lorenzo Montegiordano nach einem rustikalen Einsteigen glatt Rot. "Er hat den Ball gespielt - allerdings erst, nachdem er den Gegner umgepflügt hatte", kommentierte ein Zuschauer trocken. Trotz Unterzahl brachte Rodengo Saiano den Sieg souverän über die Zeit, während Lazio zwar noch ein paar harmlose Abschlüsse sammelte, aber nie wirklich gefährlich wurde. Statistisch gesehen war Lazio das aktivere Team (13:12 Torschüsse, 58 Prozent Ballbesitz), doch Rodengo Saiano spielte mit Herz, Mut und, man darf es so sagen, Chuzpe. "Wir waren nicht die Schönsten, aber die Effizientesten", resümierte Trainer Beyer, der nach dem Abpfiff kurz überlegte, ob er seine Mannschaft zum Pizzaessen oder doch lieber zum Auslaufen einlädt. So bleibt die Erkenntnis eines denkwürdigen Abends: Manchmal gewinnt eben nicht die Mannschaft mit der besseren Technik, dem größeren Namen oder der längeren Bank - sondern die, die einfach Lust hat, Geschichte zu schreiben. Und Rodengo Saiano hat an diesem Abend ein kleines Kapitel hinzugefügt. Oder, wie Torschütze Vegliaturo es formulierte, während er sich die Schuhe auszog: "Wir sind nur Rodengo. Aber heute fühlte es sich an wie Rom." 04.12.643993 15:58 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts