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Es war ein lauer Aprilabend in Verona, 12.500 Zuschauer hatten sich im altehrwürdigen Bentegodi eingefunden, um zu sehen, wie Chevio Verona am 32. Spieltag der 3. Liga Italien (1. Div) gegen Rodengo Saiano die Punkte einfahren würde. Das Drehbuch sah jedoch anders aus - und zwar schon ab der sechsten Minute. Denn noch bevor viele Zuschauer ihre Sitzkissen zurechtrückten, klingelte es im Kasten der Hausherren. Ausgerechnet Mason Warrington, 18 Jahre jung und Innenverteidiger, nutzte eine Unachtsamkeit nach einer Ecke eiskalt. Der Ball trudelte über die Linie, und der Teenager riss die Arme in die Höhe, als wollte er sagen: "Na, so schwer ist das doch gar nicht!" Sein Mitspieler Gaetano Uffugo, der die Vorlage gegeben hatte, grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken, aber Mason hat einfach beschlossen, dass das sein Moment ist." Verona wirkte überrascht - und blieb es. Rodengo Saiano, trainiert von Jan Beyer, spielte frech, mutig, fast übermütig. Vincenzo Cerutti, ebenfalls 20 und offenbar mit einem guten Schuss jugendlicher Unbekümmertheit ausgestattet, erhöhte in der 18. Minute auf 2:0. Lorenzo Montegiordano hatte ihm den Ball mustergültig aufgelegt, und Cerutti schob so sicher ein, als sei er schon seit Jahren Stammspieler in der Serie A. "Nach dem zweiten Tor dachte ich, wir hätten das Ding im Griff", gab Beyer nach dem Spiel zu. "Aber dann fiel mir ein, dass wir Rodengo Saiano sind - und es also nie im Griff haben." Ein typischer Beyer-Spruch, halb ironisch, halb stolz. Chevio Verona dagegen besaß zwar 54 Prozent Ballbesitz, aber was nützt das, wenn man daraus nichts macht? Drei magere Torschüsse standen am Ende auf dem Statistikzettel. Trainername unbekannt, aber der Gesichtsausdruck an der Seitenlinie sprach Bände: wütend, ratlos, später resigniert. "Wir haben den Ball schön laufen lassen", murmelte er nach dem Spiel, "nur leider immer im Kreis." In der zweiten Halbzeit versuchte Verona, die Kontrolle zurückzuerlangen. Das gelang in Ansätzen - bis zur 63. Minute. Da fasste sich Salvatore Sabia, 32 Jahre und dienstältester Spieler auf dem Platz, ein Herz. Ein satter Linksschuss von der Strafraumkante, und plötzlich stand es 1:2. Jubel, Hoffnung, ein kurzes Aufflackern. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Sabia später. "Und für einen Moment sah es so aus, als wüssten wir, was wir tun." Doch die Aufholjagd währte nicht lange. Nur drei Minuten später sah Jean-Pierre Stephan Gelb für ein taktisches Foul, und Verteidiger Emanuele Palmisano - bereits früh verwarnt - handelte sich in der 78. Minute die Gelb-Rote Karte ein. "Das war keine zweite Gelbe, das war Kunst", schimpfte Sabia lachend, als man ihn später auf den Platzverweis ansprach. "Er hat’s geschafft, zwei Mal denselben Gegner zu treffen - mit einem Freistoß dazwischen." Rodengo Saiano ließ sich die Führung trotz Unterzahl auf beiden Seiten (denn auch der 18-jährige Igor Lungro flog kurz darauf mit Rot vom Platz) nicht mehr nehmen. Insgesamt feuerten die Gäste 18 Schüsse ab, während Verona meist mit sich selbst beschäftigt war. Einmal, in der 87. Minute, hatte Jean-Pierre Stephan noch die Chance zum Ausgleich - sein Schuss rauschte knapp über die Latte. Der Torwart von Rodengo Saiano, Igor Zunino, soll dabei laut eigener Aussage "kurz die Luft angehalten und an meine Mutter gedacht" haben. So blieb es beim 1:2 (0:2), einem Ergebnis, das die Jugend triumphieren ließ. Die alten Hasen von Verona wirkten müde, die Jungspunde aus Rodengo Saiano dafür umso lebendiger. Trainer Beyer zeigte sich stolz, aber auch realistisch: "Unsere Jungs haben heute Herz gezeigt - und ein bisschen Wahnsinn. Ohne das geht’s in dieser Liga nicht." Im Stadion klatschten die mitgereisten Fans, während die Veroneser Anhänger mit einem ironischen "Bravo" Richtung Mannschaft riefen. Einer auf der Tribüne sagte laut genug, dass es alle hörten: "Wenn Ballbesitz Punkte gäbe, stünden wir längst in der Serie B." Am Ende war es ein Spiel, das weniger durch Taktik als durch Temperament entschieden wurde. Die Statistik spricht Bände: 18 zu 3 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Rodengo Saiano - und ein Heimteam, das zwar den Ball liebte, aber das Tor vergaß. Vielleicht wird man in Verona morgen wieder von "unglücklichen Umständen" sprechen. In Rodengo Saiano dagegen wird man sich an den Abend erinnern, an dem ein Verteidiger zum Torjäger wurde und ein 20-Jähriger das Siegtor schoss. Und wer weiß - vielleicht erzählt Mason Warrington irgendwann seinen Enkeln, wie er mit 18 in Verona traf. Falls sie ihn dann fragen, gegen wen, wird er wohl lächeln und sagen: "Gegen Männer, die dachten, Erfahrung reicht." 23.01.643997 09:05 |
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