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Das Stadio Comunale bebte am Mittwochabend, als Rodengo Saiano im Rahmen des 23. Spieltags der 3. Liga Italien (1. Div) Giulianova mit 4:0 vom Platz fegte. 8508 Zuschauer erlebten eine zweite Halbzeit, die so gar nichts mehr mit der ersten zu tun hatte - außer, dass in beiden ein Ball vorhanden war. Trainer Jan Beyer hätte sich wohl kaum einen besseren Abend wünschen können. Dabei begann alles recht harmlos. In der ersten Hälfte versuchten die Hausherren zwar, das Spiel zu diktieren, aber es blieb beim Versuch. 49 Prozent Ballbesitz, 23 Torschüsse - das klingt dominant, doch zur Pause stand es 0:0. Giulianova verteidigte mit angezogener Handbremse, aber immerhin mit beiden Beinen auf der Linie. Torwart Maximilian Decker hielt, was es zu halten gab, und manchmal auch, was gar nicht zu halten war. "Ich dachte, wir hätten sie im Griff", meinte Giulianovas Innenverteidiger Matteo Marittimo später, "bis ich gemerkt habe, dass der Griff wohl eher butterweich war." Dann kam die 47. Minute - und mit ihr die Explosion. Alessandro Vegliaturo, der quirlig-schnelle Linksaußen von Rodengo Saiano, nahm eine Vorlage von Luigi Scigliano auf, legte sich den Ball zurecht und drosch ihn aus spitzem Winkel ins Netz. 1:0, die Erlösung. Das Stadion tobte, Trainer Beyer sprang an der Seitenlinie wie ein Kind an Weihnachten. "Ich hab nur gedacht: Endlich!", lachte er nach dem Spiel. Giulianova wirkte danach, als hätte man ihnen die Luft aus dem Ballon gelassen. Zehn Minuten später war Marco De Luca zur Stelle - ausgerechnet der Rechtsverteidiger! Nach einem feinen Zuspiel von Arnaldo Romaniello zog er einfach mal ab, und der Ball zappelte erneut im Netz. 2:0 in der 57. Minute, und das Publikum sang schon vom Aufstieg, obwohl noch eine halbe Stunde zu spielen war. Rodengo Saiano spielte sich nun in einen Rausch. Nur vier Minuten später traf Vincenzo Cerutti nach Vorarbeit von Lorenzo Montegiordano zum 3:0 (61.). Giulianovas Trainer hätte wohl am liebsten eine Auszeit genommen, aber das gibt’s nun mal nicht im Fußball. Stattdessen stand er mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und sah, wie seine Abwehr auseinanderfiel wie ein schlecht gebackener Kuchen. Jan Beyer reagierte clever, brachte den 34-jährigen Antonio Cocco für den jungen Cerutti (72.). Der Oldie bedankte sich auf seine Weise: In der 81. Minute besiegelte er den 4:0-Endstand, nach Vorarbeit von - natürlich - Vegliaturo, dem Mann des Abends. "Ich hab ihm gesagt, er soll’s einfach genießen", grinste Beyer später. "Und dann macht er das Ding rein, als wär’s Training." Giulianova hatte im ganzen Spiel gerade einmal drei Torschüsse zu bieten - ein Wert, der wohl eher an ein Freundschaftsspiel im Regen erinnert als an einen Ligakampf. Riley Adams und Simone Canna versuchten es ab und zu, aber Torwart Igor Zunino im Kasten von Rodengo Saiano hätte an diesem Abend vermutlich auch mit einer Zeitung in der Hand bestanden. Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen, zumindest auf dem Papier: 50,6 Prozent Ballbesitz für Giulianova. Auf dem Platz jedoch erzählte die Partie eine andere Geschichte. Rodengo Saiano war aggressiver, zielstrebiger und schlicht wacher. Die Zweikampfquote von 58 Prozent sprach Bände. Ein kleiner Aufreger in Halbzeit eins, als Pietro Nocera nach einem rustikalen Einsteigen Gelb sah (19.), blieb der einzig unschöne Moment für die Gastgeber. Danach lief alles rund. Selbst die Einwechslungen schienen perfekt getaktet: Lungro kam für Nocera (62.), Cocco für Cerutti (72.), und kurz vor Schluss durfte der erfahrene Giacomo Morabito noch ein paar Minuten sammeln (83.). Nach dem Schlusspfiff feierten die Fans ihre Mannschaft, als wäre der Aufstieg schon sicher. Vegliaturo, überglücklich und mit Grasflecken bis zum Hals, sagte in die Mikrofone: "Das war unser bestes Spiel der Saison. Und ehrlich gesagt: Ich hätte noch zwei machen können." Giulianovas Spieler schlichen derweil wortlos in die Kabine. Ein Zuschauer rief ihnen hinterher: "Kopf hoch, Jungs - es gibt ja noch Rückspiele!" Ein Satz, der vermutlich nicht so tröstlich gemeint war, wie er klang. Rodengo Saiano hat mit diesem 4:0 ein Ausrufezeichen gesetzt - und das nicht nur auf der Anzeigetafel. Wenn sie diese Spielfreude behalten, wird die Liga noch einiges zu lachen haben. Oder zu leiden, je nach Perspektive. Und Trainer Beyer? Der verabschiedete sich mit einem Schulterzucken: "Ich hab ihnen vorher gesagt: Spielt Fußball. Den Rest erledigt der Ball." An diesem Abend hatte der Ball eindeutig Humor. 11.10.643996 06:40 |
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Andreas Brehme