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43331 Zuschauer im altehrwürdigen Hafenstadion von Rotterdam sahen am Donnerstagabend ein Spiel, das lange wie ein taktisches Schachduell wirkte - und am Ende wie ein Faustschlag ins Gesicht der Hausherren endete. Der SBV Rotterdam unterlag zum Auftakt der Conference League-Gruppenphase dem FC 1903 Wangen mit 1:2 (0:0). Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Rotterdams Linksaußen Vaclav Nedved, sonst mehr für elegante Flanken als für kaltschnäuzige Torabschlüsse bekannt, brachte sein Team kurz nach Wiederanpfiff in der 47. Minute mit 1:0 in Front. Nach einem feinen Zuspiel von Ingo Domingos knallte Nedved den Ball ins lange Eck - Wangen-Keeper Christian Carew streckte sich vergeblich. Die 43.000 im Stadion jubelten, Bierbecher flogen gen Himmel, und Trainer Kersten Rittner brüllte seine Freude so laut heraus, dass man sie vermutlich bis zur Maas hören konnte. Doch wer dachte, das würde der Abend der Rotterdamer werden, irrte gewaltig. Denn Wangen, zuvor mit fast 60 Prozent Ballbesitz und einer erdrückenden Präsenz im Mittelfeld, behielt die Ruhe. Jan Demo, der unermüdliche Rechtsaußen, ackerte weiter, als hinge seine Karriere davon ab. In der 55. Minute wurde seine Geduld belohnt: Demo legte quer auf Joseba Futre, und der Spanier schob lässig zum 1:1 ein. "Ich hab einfach gedacht: Jetzt oder nie", grinste Futre später, "und diesmal war’s halt jetzt." Ab diesem Moment schien Rotterdam die Energie auszugehen. Nur drei Torschüsse waren es am Ende - ein Wert, der selbst für einen Defensivverein beschämend wäre. Rittners Mannen wirkten fahrig, verloren die entscheidenden Zweikämpfe und spielten Bälle, die selbst ein Sonntagsschütze im Park nicht angenommen hätte. "Wir wollten offensiv spielen, aber irgendwie hat uns der Mut verlassen", seufzte Rittner nach Schlusspfiff. Zur Tragödie gesellte sich Pech: Nedved, der Torschütze, musste in der 59. Minute verletzt vom Feld - offenbar eine Muskelverhärtung im Oberschenkel. "Ich hab ihn gefragt, ob er weitermachen kann, und er meinte: ’Nur wenn der Ball mich trägt’", erzählte Mitspieler Logan Edgecomb mit einem schiefen Grinsen. Wangen-Coach Ready Play, dessen Name ohnehin klingt wie ein Befehl aus der Spielkonsole, hatte dagegen alles richtig eingestellt. Seine Elf drückte auch in der Schlussphase, während Rotterdam zunehmend auf Zeit spielte - oder versuchte, es zu tun. Doch Fußballgötter haben bekanntlich Humor: In der 92. Minute zog Diego Tonel auf links noch einmal an, legte quer zu André Schwab, und der hämmerte den Ball unhaltbar unter die Latte. 2:1. Aus. Ende. "Ich hab gar nicht gesehen, dass die Uhr schon über 90 war", lachte Schwab später in die Mikrofone. "Ich wollte einfach nicht, dass wir mit nur einem Punkt heimfahren. Der Busfahrer hätte mich sonst nicht reingelassen." Rittner dagegen stand fassungslos an der Seitenlinie, während seine Spieler ratlos in die Nacht starrten. "Das war Lehrgeld", sagte er schließlich. "Wangen war giftiger, williger, cleverer - und vielleicht auch einfach wacher." Die Zahlen bestätigten das: 17 Torschüsse für Wangen, nur 3 für Rotterdam; 58 Prozent Ballbesitz für die Gäste - und ein klarer Eindruck von Überlegenheit, der sich durch das ganze Spiel zog. Selbst als Wangen ab der 60. Minute defensiver stand, nach der Auswechslung von Torwart Carew und Linksverteidiger Santos, blieb das Spiel unter ihrer Kontrolle. "Wir haben unsere Chancen nicht genutzt, weil wir sie gar nicht hatten", spottete Rotterdams Mittelfeldmann Jose Cuadrado trocken. "Vielleicht brauchen wir beim nächsten Mal einfach eine Taschenlampe, um das gegnerische Tor zu finden." Der Abend endete, wie er begonnen hatte - mit einem leichten Wind vom Hafen und einem Publikum, das zwischen Frust und Fassungslosigkeit schwankte. Nur die rund 200 mitgereisten Wangener Fans sangen noch, als der Rest des Stadions längst auf dem Weg zur Straßenbahn war. "Das war ein Start nach Maß", freute sich Wangen-Coach Ready Play. "Aber wir wissen, dass wir erst angefangen haben. Nächste Woche müssen wir wieder bei null beginnen - leider auch beim Frühstück um sieben." Fazit: SBV Rotterdam wollte ein Feuerwerk zünden, bekam aber nur eine Wunderkerze zum Glimmen. Der FC 1903 Wangen hingegen zeigte, wie man mit Disziplin, Geduld und einem späten Knall drei Punkte entführt. Und irgendwo zwischen Hafenwind und Stadionflutlicht dürfte man noch das Echo von Rittners Seufzer hören: "So nah dran - und doch wieder typisch Rotterdam." 08.04.643987 10:13 |
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Wir fahren hin, hau'n die weg und fahren wieder zurück.
Peter Neururer