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Es war einer dieser Abende im Letzigrund, an denen die Zuschauer sich fragten, ob sie gerade ein Fußballspiel oder eine Theateraufführung besucht hatten. 26.293 Fans sahen beim 2:2 zwischen Rot-Weiss Zürich und dem SC Carouge ein Spektakel, das alles bot: Tempo, Emotionen, Gelbe Karten, und vier Tore, die fast so schnell fielen, wie die Emotionen wechselten. Zürichs Trainer Ha Luncke hatte vor dem Spiel noch augenzwinkernd gesagt: "Wir spielen heute mutig - vielleicht zu mutig, aber das wird man dann sehen." Und tatsächlich: Sein Team stürmte vom Anpfiff weg wie eine Mannschaft, die lieber mit Flügeln als mit Füßen spielt. Schon nach zwei Minuten prüfte Nael Ramiro Carouges Keeper Zoltan Juhasz, der sich streckte wie ein Zirkusakrobat. Rot-Weiss hatte mehr vom Spiel, über 54 Prozent Ballbesitz, und ließ das Leder laufen, als wäre es ein alter Freund. Doch es dauerte bis zur 31. Minute, ehe das Publikum jubeln durfte: Cenk Sargun zog aus der zweiten Reihe ab, nachdem Vicente Cercas ihn kunstvoll bedient hatte - 1:0! Der Ball zischte wie ein roter Blitz in die rechte Ecke. "Ich habe einfach draufgehalten", grinste Sargun später, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkhaus landet." Zur Pause sah alles nach einem souveränen Zürcher Abend aus. Carouge hatte zwar acht Torschüsse im gesamten Spiel, aber bis dahin wenig Ertrag. Trainer Stefan Häusler schien in der Kabine allerdings eine flammende Rede gehalten zu haben - oder er hatte den Kaffee besonders stark gebrüht. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, drehte Carouge auf. In der 54. Minute traf Jossi Itzik, der bis dahin eher unauffällig geblieben war, cool zum Ausgleich. Ein klassischer "Ich bin jetzt wach"-Moment. Zürichs Innenverteidiger Nelio Antunes, kurz zuvor verwarnt, sah beim Gegentor aus, als hätte er lieber den Rasen inspiziert als den Ball. Doch Rot-Weiss reagierte: In der 72. Minute kombinierte sich Ramiro über rechts durch und fand Marcio Mocana am linken Pfosten, der routiniert einschob - 2:1. Luncke riss die Arme hoch, die Fans tobten, Zürich wähnte sich zurück auf der Siegerstraße. Aber drei Minuten später kam Philippe Turcotte, ein 34-jähriger Stürmer alter Schule, mit dem Selbstverständnis eines Mannes, der schon alles gesehen hat. Nach einem Pass von Riley Donahue drosch er den Ball humorlos unter die Latte - 2:2. "Ich wollte gar nicht so fest schießen", sagte Turcotte später, "aber manchmal will der Ball einfach laut sein." Von da an wurde es wild. Carouge wechselte gleich dreifach (64.), brachte frische Beine - und offenbar auch frische Gelbe Karten: Asier Costinha (73.) und der junge Jason Geier (77.) sahen beide Gelb. Insgesamt kassierten die Gäste vier Verwarnungen; Zürich begnügte sich mit einer. Die Partie blieb bis zum Schluss offen, und in der Nachspielzeit hätte Itzhak Hasson beinahe den Sieg für Carouge besorgt, doch Keeper Hugo Coelho rettete mit einem Reflex, der in jeder Torwartschule gezeigt werden sollte. Luncke war nach dem Schlusspfiff sichtlich zwiegespalten: "Wir wollten drei Punkte, haben aber zwei verschenkt. Oder einen gewonnen - je nachdem, wie optimistisch man ist." Häusler dagegen grinste: "In Zürich einen Punkt zu holen, fühlt sich fast an wie ein Sieg. Vor allem, wenn man sieht, wie viel Kaffee ich dafür gebraucht habe." Die Statistiken erzählten eine Geschichte von feiner Balance: 7 zu 8 Torschüsse, 54 zu 46 Prozent Ballbesitz, Tackling-Quote praktisch pari. Es war ein Spiel, das keinen Sieger verdiente - und vielleicht gerade deshalb so unterhaltsam war. Als die letzten Zuschauer den Letzigrund verließen, hörte man einen Fan sagen: "So ein 2:2, das fühlt sich an wie drei Spiele in einem." Und vielleicht war das das Beste an diesem Abend: Beide Teams gingen erschöpft, aber erhobenen Hauptes vom Platz - und Rot-Weiss Zürich weiß nun, dass selbst ein Offensivfeuerwerk manchmal nur Funken schlägt. Trainer Luncke verabschiedete sich mit einem Achselzucken: "Wir haben offensiv gespielt, wie wir wollten - nur das Ergebnis wollte nicht mitspielen." Ein Satz, der wohl noch lange im Zürcher Vereinsheim zitiert werden wird. 23.11.644002 00:22 |
Sprücheklopfer
Die italienischen Vereine sagen mir: Von der Ablösesumme für Emerson könnt ihr euch doch zwei Spieler kaufen. Ich antworte denen dann immer: Dann kauft euch die doch selbst.
Rainer Calmund