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Wer am Dienstagabend ins Budapester Stadion kam, um Fußballromantik zu erleben, bekam sie - allerdings in Form einer Lehrstunde des KSC Siofok. 20.000 Zuschauer sahen beim 16. Spieltag der 1. Liga Ungarn eine Partie, die schon nach acht Minuten entschieden schien. Am Ende stand es 1:4 (0:2) aus Sicht der Hausherren. "Wir waren gar nicht richtig auf dem Platz, als es schon zweimal klingelte", seufzte Honvet-Kapitän Antal Koplarovics nach dem Spiel. Tatsächlich hatte Siofok keine Zeit zu verlieren: Bereits in der 5. Minute schob Torsten Schlüter nach Vorarbeit von Mirko Glowacki eiskalt ein. Nur drei Minuten später legte Attila Dalnoki nach - wieder mit Glowacki als Vorbereiter. Ein linker Verteidiger als Torschütze, das passte zum Abend: Siofok machte einfach alles richtig. Honvet versuchte es mit gepflegtem Ballbesitz (47 Prozent), aber das sah eher nach geduldiger Büroarbeit als nach Angriffswucht aus. Die Gastgeber schossen achtmal aufs Tor, meist aus Verlegenheit oder Hoffnung. Gyula Titkos prüfte früh den Gästekeeper Eric Steinsson, doch der parierte so mühelos, dass er dabei fast gelangweilt wirkte. "Ich hatte mehr zu tun, als mir lieb war - nämlich wach bleiben", witzelte Steinsson später. Siofok hingegen spielte schnörkellos und zielstrebig. 15 Torschüsse, vier Treffer - eine Quote, die jeden Trainer glücklich macht. Trainer des KSC (dessen Name man sich in Budapest lieber nicht laut merken will) grinste nach dem Abpfiff zufrieden: "Wir wollten einfach Spaß haben. Und wenn dabei Tore herauskommen, beschwert sich ja keiner." Spaß hatten seine Spieler allemal. Besonders im Mittelfeld, wo Ernö Soos in der 69. Minute das 0:3 erzielte - eine Direktabnahme, wie aus dem Lehrbuch. Schlüter hatte wieder die Vorlage gegeben, und Honvets Defensive wirkte in diesem Moment wie ein Haufen Statisten, die versehentlich auf dem falschen Filmset standen. Der Rest war Schaulaufen. Filippo Caloveto, der elegante Rechtsaußen mit der Frisur eines 80er-Jahre-Popstars, machte in der 77. Minute das 0:4 - nach schöner Flanke von Arno Bollaert. Danach erlaubte sich Siofok sogar, etwas Tempo herauszunehmen. Doch wenigstens blieb den Budapester Fans ein kleiner Trost: In der 81. Minute sorgte Istvan Fekete für den Ehrentreffer, per Kopf nach Ecke von Koplarovics. Der Jubel war groß - vielleicht auch aus Erleichterung, dass der Ball endlich mal im richtigen Netz lag. "Da war plötzlich wieder Leben in der Bude", bemerkte Kommentator János Varga lakonisch, "aber leider zehn Minuten zu spät und drei Tore zu wenig." Taktisch gesehen lieferten beide Teams laut Statistik ein "ausgewogenes" Spiel mit identischer Grundausrichtung - BALANCED, wie es im Fachjargon heißt. Nur: Siofok spielte ausgewogen mit Ziel, Honvet ausgewogen ohne Idee. Das sieht auf dem Papier gleich aus, auf dem Rasen jedoch nicht. Die Zweikampfquote sprach ebenfalls für die Gäste (53 Prozent), die in jeder Phase giftiger wirkten, ohne unfair zu sein. Kein Platzverweis, keine übertriebene Härte - einfach reifer Fußball. "Wir haben gelernt, dass man auch ohne Blutvergießen gewinnen kann", grinste Schlüter, der an diesem Abend an fast jedem gefährlichen Angriff beteiligt war. In der 88. Minute hatte Tamas Juhasz für Honvet noch eine Gelegenheit, aber sein Schuss verfehlte das Tor knapp. Trainer der Gastgeber - mit rotem Kopf und noch röterem Schal - schimpfte an der Seitenlinie: "Wenn wir die Chancen nicht machen, machen sie halt die anderen!" Ein Satz, der in jede Kabinenwand gemeißelt gehört. So endete der Abend mit einem ernüchternden 1:4 aus Sicht der Hausherren. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft mit höflichem Applaus - oder, wie ein älterer Herr in der dritten Reihe sagte: "Man muss ja zeigen, dass man noch Hoffnung hat." Siofok hingegen feierte ausgelassen. Die Spieler tanzten kurz vor der Kurve, Caloveto dirigierte seine Mitspieler, als sei er Maestro eines Orchesters. "Wir wollten Budapest zum Schweigen bringen", sagte er lachend, "aber die Stadt ist zu laut - also haben wir es beim Stadion belassen." Ein verdienter Sieg, ein klares Ergebnis und eine bittere Erkenntnis für Honvet: Fußball ist kein Wunschkonzert, sondern eine Frage der Konsequenz. Oder, wie Koplarovics am Ende trocken meinte: "Manchmal verlierst du, manchmal lernst du. Heute haben wir beides geschafft." 20.07.643996 17:28 |
Sprücheklopfer
Wenn er das Tor getroffen hätte, wäre der Ball drin gewesen, aber er hat vorbei geschossen.
Otto Rehhagel