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Seattle - Es war ein lauer Frühlingsabend, als 35.762 Zuschauer im Lumen Field erlebten, wie die Seattle Sounders und die Minnesota Rowdies am 11. Spieltag der 1. Liga USA ein 2:2 der launigen Sorte hinlegten. Ein Spiel, das so wechselhaft war wie das Aprilwetter über der Pazifikküste - frühe Freude, zähe Phasen, späte Erlösung. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz. Zweite Minute, Mariusz Cyron, der Linksfuß mit dem Charme eines Straßenfußballers, trifft nach Vorarbeit von Emmanouil Pavlopoulos zum 1:0. "Ich war selbst überrascht, dass der Ball nicht noch in der Wolkenkratzerkulisse verschwand", witzelte Cyron später. Die Sounders-Fans jubelten - einige waren noch auf der Suche nach ihrem Platz, als der erste Torjubel durch die Ränge hallte. Doch wer glaubte, das würde ein gemütlicher Heimspaziergang, der unterschätzte die Rowdies. Minnesota, mit Coach Justin Moore an der Seitenlinie, zeigte, dass der Name Programm ist: laut, frech, unberechenbar. In der 20. Minute zappelte der Ball auf der anderen Seite. Archie Bloomfield, der mit seinen langen Schritten eher an einen Marathonläufer erinnert, traf nach klugem Zuspiel von Alf Ravn zum Ausgleich. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur zum Sightseeing hier sind", grinste Bloomfield nach dem Spiel. Jetzt war Feuer drin, und die Sounders wirkten plötzlich so nervös wie ein Teenager beim ersten Date. Nur 20 Minuten später klingelte es erneut im Kasten von Rudolf Afzelius. Juanito Costinha, der portugiesische Wirbelwind auf links, schlenzte den Ball nach Pass von Javier Oliveira herrlich ins lange Eck - 1:2. Ab da war Minnesota in Spiellaune. Trainer Moore rief von außen: "Mehr Mut, Jungs, wir sind hier nicht zum Warten!" Und sie hatten ihn. Die erste Halbzeit endete mit einem leichten Übergewicht für die Gäste, auch wenn Seattle mit 51 Prozent Ballbesitz und 15 Torschüssen insgesamt das aktivere Team war. Doch Effektivität war an diesem Abend eher eine Disziplin für die Gäste. Nach dem Seitenwechsel schien Trainer Ein Juppie seine Männer wachgerüttelt zu haben. "Ich habe nur gesagt: ’Wenn ihr weiter so lauft, holen wir bald auch beim Einwurf Gegentore’", erzählte er schmunzelnd. Und siehe da - in der 59. Minute platzte der Knoten. Jesus Mann, der bullige Mittelstürmer mit dem Namen, der in Seattle ohnehin für Schlagzeilen gut ist, drückte den Ball nach feinem Zuspiel von Roger Berryer über die Linie. 2:2 - das Stadion bebte. Von hier an entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Kai Bruce prüfte Keeper Vincent Pere mehrfach, während auf der anderen Seite Costinha und der blutjunge Mason Darabont (17 Jahre!) die Abwehr der Sounders beschäftigten. Afzelius musste in der 87. Minute noch einmal all sein Können zeigen, als Darabont aus spitzem Winkel abzog. Zwischendurch flatterten auch ein paar Karten - Alexander Haddock sah Gelb (72.), Benjamin Oliphant bei den Rowdies (84.). Beide nahmen’s sportlich. "Ich wollte nur den Rasen testen", behauptete Haddock grinsend. Die Schlussphase war ein einziges Auf und Ab. Berryer in der 94. Minute noch einmal mit einem Schuss, der das Tornetz erzittern ließ, aber Pere hielt. Dann war Schluss - und beide Teams wussten nicht so recht, ob sie lachen oder fluchen sollten. "Ein gerechtes Ergebnis", resümierte Moore. "Seattle war stark, aber wir haben uns nicht versteckt." Juppie klopfte seinem Gegenüber danach auf die Schulter: "Ich hasse unentschieden - aber dieses war immerhin hübsch anzusehen." Statistisch gesehen hatte Seattle leicht die Nase vorn: 15:9 Torschüsse, etwas mehr Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe (52 zu 48 Prozent). Doch Minnesota konterte mit Tempo, Mut und einer Effizienz, die den Gastgebern phasenweise den Atem nahm. Am Ende blieb der Eindruck eines Spiels, das Werbung für die Liga war - mit zwei Teams, die lieber auf Sieg spielten, als sich zu belauern. Und vielleicht war das 2:2 am Ende genau das, was sich der neutrale Zuschauer wünschte: Spannung bis zur letzten Sekunde, ein paar schöne Tore und ein bisschen Chaos. "Wenn jedes Unentschieden so viel Spaß macht, schreibe ich bald ein Buch darüber", meinte Juppie augenzwinkernd auf der Pressekonferenz. Und während die Fans die Tribünen verließen, summte einer: "Immerhin kein 0:0." Seattle atmet auf - die Rowdies lächeln breit. Und irgendwo im Abendhimmel über dem Lumen Field rollt noch ein Ball, der einfach nicht liegen bleiben wollte. 07.03.643994 04:16 |
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Mario Basler