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Seattle - Ein frostiger Januarabend, 33.314 Zuschauer im ausverkauften Lumen Field, und ein Spiel, das sich erst nach der Pause so richtig aufzuwärmen wagte. Die Seattle Sounders besiegten die Atlanta Gorillas im sechsten Spieltag der 1. Liga USA mit 2:1 (0:0) - dank eines Doppelschlags, der so plötzlich kam, dass selbst der Stadionsprecher kurz ins Stottern geriet. Die erste Hälfte? Nun ja. Ein bisschen wie ein Kinotrailer, der viel verspricht, aber nichts verrät. Seattle dominierte mit 52 Prozent Ballbesitz, 19 Torschüssen insgesamt - doch bis zur Pause blieb alles Stückwerk. Kai Bruce, der linke Wirbelwind der Sounders, prüfte Atlantas Keeper Alois Zemlik bereits in der 1. Minute und noch mehrfach danach. "Ich dachte, ich hätte heute einen Magneten im Fuß - aber der Ball wollte einfach nicht rein", grinste Bruce später. Atlanta dagegen versuchte es mit langen Bällen und rustikaler Verteidigungsarbeit. Zwei frühe Verwarnungen - Sean Cumming (34.) und Gabriel Petre (41.) - zeugten davon, dass die Gorillas den Begriff "körperbetont" etwas zu wörtlich nahmen. Trainerin Anja Meister schüttelte an der Seitenlinie mehrfach den Kopf. "Manchmal vergessen meine Jungs, dass Grätschen kein olympischer Wettbewerb ist", sagte sie mit trockenem Humor. Nach dem Seitenwechsel explodierte das Spiel. In der 48. Minute spielte Alfonso Meira, der Dirigent im Mittelfeld, einen Pass, der so präzise war, dass er fast eine GPS-Ortung verdient hätte. Ethan Beauvilliers nahm ihn mit der Brust, drehte sich - 1:0 für Seattle. Nur eine Minute später wieder Meira, wieder ein Traumpass, diesmal auf Kai Bruce. Der ließ Zemlik keine Chance - 2:0, Stadion im Ausnahmezustand. "Ich hab’ nur gedacht: Alfonso, du bist verrückt!", lachte Bruce nach dem Spiel. Die Gorillas brauchten eine Weile, um sich von dem Doppelschlag zu erholen. In der 65. Minute wechselte Meister dreifach - jung, wild, offensiv. Der 17-jährige Daniel Kober kam für Petre, der 18-jährige Keeper Brandon Lithgow ersetzte den müden Zemlik, und auch Max Hardin durfte ran. Und siehe da: Plötzlich war Leben in der Bude. In der 67. Minute belohnte sich Atlanta. Agemar Alves legte quer, Javier Gamoneda traf eiskalt ins lange Eck - 2:1. Das Spiel war wieder offen, zumindest kurzzeitig. Doch dann kam die 75. Minute: Seattles Rechtsverteidiger Levente Stefanescu mit einem Tritt, der in jedem Kung-Fu-Film Applaus bekommen hätte - leider aber nicht von Schiedsrichterin Maria Cortez. Rot. Plötzlich mussten die Sounders zu zehnt weitermachen. Trainer Ein Juppie tobte an der Seitenlinie, schmiss seine Wasserflasche und murmelte später: "Ich wollte eigentlich ruhig bleiben. Hat nicht geklappt." Die letzten 15 Minuten gehörten den Gorillas - zumindest optisch. Doch trotz Pressing, trotz beherztem Einsatz (am Ende 47 Prozent Ballbesitz, 7 Torschüsse) blieb der Ausgleich aus. Brandon Lithgow, der junge Torhüter, durfte immerhin noch einige Bälle aus dem eigenen Strafraum fischen, was ihm ein anerkennendes Schulterklopfen von Meister einbrachte. In der 84. Minute sah Kober noch Gelb - der Teenager grinste nur: "Mein erstes Profi-Foul. Den Ball hab ich aber auch getroffen - glaube ich." Seattle verteidigte mit allem, was noch Beine hatte. Alfonso Meira, offiziell als Mittelfeldspieler gelistet, rannte in den letzten Minuten mehr Meter nach hinten als sonst in einer ganzen Saison. "Ich hab vergessen, dass ich 30 bin", stöhnte er lachend im Kabinengang. Als Schiedsrichterin Cortez endlich abpfiff, fiel den Sounders ein ganzer Steinbruch vom Herzen. "Das war kein Schönheitspreis, aber drei Punkte sind drei Punkte", fasste Juppie zusammen. Und er hat recht: Die Statistiken sprechen für Seattle - mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Nervenstärke. Die Gorillas dagegen reisen ohne Punkte zurück, aber mit einer Menge Lernstoff. Trainerin Meister blieb trotz Niederlage optimistisch: "Wenn man mit 17-Jährigen auf dem Platz steht und trotzdem bis zur letzten Minute Druck macht, dann ist das kein Rückschritt. Das ist Charakter." So endete ein Abend, der in die Kategorie "Drama mit Happy End" gehört - zumindest für die Gastgeber. Und irgendwo im Stadion summte ein Fan: "Zwei Tore in zwei Minuten, das ist Seattle-Tempo." Doch keine Sorge - das Lied bleibt ungesungen. 17.03.643987 21:22 |
Sprücheklopfer
Wenn der Ball am Torwart vorbeigeht, ist es meist ein Tor.
Mario Basler