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Wenn 56.851 Zuschauer im St. Mary’s Stadium gleichzeitig aufspringen, dann hat entweder jemand Freibier angekündigt - oder der FC Southampton hat gerade ein Tor erzielt. Am Dienstagabend war Letzteres gleich dreimal der Fall, und am Ende stand ein 3:2-Sieg gegen die favorisierten Liverpool Reds, der so dramatisch war, dass selbst die englische Wettervorhersage neidisch geworden wäre. Die Saints begannen mutig, fast übermütig. Trainer Michael Böning hatte seine Jungs offensiv eingestellt - und das zeigte Wirkung. Schon in der 8. Minute prüfte Leo Broderick mit einem satten Fernschuss die Handschuhe von Reds-Keeper Charlie Leachman. "Ich wollte nur sehen, ob er wach ist", grinste Broderick später. Er war es. Doch in der 28. Minute nicht mehr: Gerritt Van Cortlandt flankte scharf von rechts, Manuel Tiago schraubte sich am höchsten und köpfte zum 1:0 ein. Das Stadion bebte, und Böning ballte an der Seitenlinie die Fäuste. Liverpool versuchte zu antworten, aber Juhani Kuqi vergab mehrfach aus aussichtsreicher Position. "Ich hab wohl zu viel Tee getrunken, der war wohl entkoffeiniert", witzelte der Finne nach dem Spiel. Bis zur Pause blieb es beim knappen 1:0 - und der Eindruck, dass Southampton an diesem Abend nicht gewillt war, sich zu verstecken. Nach dem Seitenwechsel kam Liverpool mit Wucht aus der Kabine. Nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff passte Thomas Lester clever in den Lauf von Dominique Hayman, der cool zum 1:1 vollendete. Trainer Kurt Kaiser applaudierte zufrieden - und mancher Fan dachte wohl, jetzt rolle der rote Express. Doch Southampton konterte mit typisch britischem Pragmatismus: "Wir haben gesagt, wir spielen weiter unser Ding", so Kapitän Liam Allington. Und das taten sie. In der 65. Minute brachte Allington selbst die Kugel zu Matthew Finnan, der als Linksverteidiger plötzlich in Mittelstürmer-Manier abschloss - 2:1! Leachman schaute verdutzt, als hätte ihm jemand die Spielregeln neu erklärt. Liverpool reagierte nervös. Jordi Xavier holte sich in der 67. Minute Gelb, "weil ich zu leidenschaftlich war", wie er später erklärte - der Schiedsrichter sah das anders. Kurz darauf tauschte Kaiser frische Kräfte ein, der 17-jährige Nicolo Barella durfte ran, ebenso Rene Marchal. Doch Southampton hielt dagegen, auch als Rechtsverteidiger Broderick in der 84. Minute verletzt raus musste. Dann die Schlussphase, die jedem Drehbuchautor die Tränen in die Augen getrieben hätte: In der 87. Minute traf Dusan Ristic für Liverpool zum 2:2. Ein Sonntagsschuss am Dienstagabend - unhaltbar. "Ich dachte, das wars", gab Böning später zu, "aber meine Jungs haben Humor." Nur fünf Minuten später, in der zweiten Minute der Nachspielzeit, kam der große Moment des eingewechselten Gabriel Beecroft. Der 23-Jährige, gerade erst aufs Feld gekommen, sprintete in eine Hereingabe von Billy Benett und drückte den Ball über die Linie. 3:2! Die Tribünen explodierten, Böning verschwand unter einer Spielertraube, und der sonst so stoische Tiago schrie Richtung Fanblock: "Wir sind noch da!" Liverpool versuchte noch einmal alles, aber die Saints verteidigten mit letzter Kraft. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen mehrere Spieler erschöpft auf dem Rasen, während die Fans "When the Saints go marching in" summten - allerdings in einer Tonlage, die selbst dem Schiedsrichter Ohrenschmerzen bereitete. Statistisch war das Spiel fast ausgeglichen - 50,6 Prozent Ballbesitz für Southampton, 49,4 für Liverpool. Doch die Saints schossen 14-mal aufs Tor, die Reds nur neunmal. "Das ist kein Zufall", meinte Böning. "Wir wollten nicht nur mitspielen, wir wollten gewinnen." Kaiser hingegen zeigte sich gefasst: "Wir haben Lehrgeld bezahlt. Wenn du in der Premier League - pardon, in der 1. Liga England - bis zur 92. Minute nicht konzentriert bist, dann bestraft dich selbst Southampton." Er grinste dabei, aber man sah ihm an, dass er lieber etwas anderes gesagt hätte. So bleibt ein Abend, an dem der Außenseiter den Favoriten mit Herz, Mut und einem Schuss Wahnsinn besiegte. Und irgendwo im Hafen von Southampton wird wohl noch heute ein Fan mit heiserer Stimme erzählen: "Ich hab gesehen, wie Beecroft den Ball reindrückte!" Ein bisschen Pathos darf sein - schließlich war’s Fußball in seiner schönsten Form: unberechenbar, emotional und, zumindest für 56.851 Menschen, schlicht perfekt. 30.05.643997 18:57 |
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