// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Ein kalter Januarabend, Flutlicht, 20.000 Zuschauer - und am Ende ein Drehbuch, das vermutlich selbst Hollywood als "zu kitschig" abgelehnt hätte. Yeading United führte zur Pause 1:0, hatte 55 Prozent Ballbesitz, kontrollierte das Spiel - und stand dennoch nach 90 Minuten mit leeren Händen da. Die Hull Tigers gewannen mit 2:1 und zeigten, dass Geduld manchmal wirklich eine Tugend ist, auch wenn sie 79 Minuten lang wie ein Witz klingt. Die Partie begann offensiv, Hull legte los wie eine Raubkatze auf Valium: viele Bewegungen, aber wenig Biss. Schon in der 5. Minute versuchte Max Lujan den ersten Abschluss - harmlos. Wenig später prüfte Innenverteidiger Tyler Edwards den Yeading-Keeper Cameron Hartshorn, der den Ball sicher aufnahm und dabei so cool aussah, als würde er eine Kaffeetasse fangen. Dann kam die 16. Minute, und Yeading schlug zu. Bertalan Toldi flankte von rechts, Joseph Warrington stieg hoch, nahm den Ball mit der Brust und drosch ihn aus kurzer Distanz ins Netz - 1:0! Das Stadion bebte, die Fans sangen, Warrington breitete die Arme aus, als gehöre ihm ganz London. "Ich dachte, ich sei im Traum", grinste er später, "bis ich gesehen habe, dass der Ball wirklich drin war." Hull antwortete mit Wut im Bauch, aber ohne Fortune. Insgesamt 17 Torschüsse sollten es am Ende werden, doch in der ersten Hälfte war es ein Schießen wie auf einem Jahrmarkt: laut, bunt, aber selten ins Schwarze. Yeading verteidigte clever, wenn auch mitunter ruppig - Kalman Szabics kassierte in der 37. Minute Gelb, nachdem er Max Lujan den Ball samt Schuhen abräumte. Nach der Pause änderte sich zunächst wenig. Yeading verwaltete, Hull suchte. Trainer Mathias Oergel stand an der Linie, die Hände in den Taschen, und knurrte Richtung Seitenlinie: "Wir brauchen mehr Mut, nicht mehr Mittelfeldquerpässe!" Seine Spieler verstanden die Botschaft erst nach 64 Minuten, als er gleich drei Wechsel vornahm: Jürgen Petersen, Jorgen Halvorsen und Agemar Conceicao kamen ins Spiel - und plötzlich roch es nach Aufbruch. Halvorsen, frisch und flink, brachte über links neue Dynamik. In der 80. Minute zog er in den Strafraum, passte flach nach innen, und wer stand da? Ausgerechnet Tyler Edwards, der Innenverteidiger! Mit der Eleganz eines Sturmtanks schob er zum 1:1 ein. "Ich wollte eigentlich nur aufrücken", sagte der Torschütze schmunzelnd, "aber der Ball kam genau richtig. Da kann man ja nicht nein sagen." Yeading wirkte geschockt. Statt den Punkt zu sichern, verloren sie die Ordnung. Und Hull witterte Blut. In der 87. Minute wieder Halvorsen, wieder über links, wieder die Flanke - diesmal fand er den jungen Jürgen Petersen, der den Ball volley nahm und zum 2:1 in die Maschen jagte. Ein Treffer wie ein Donnerschlag, und plötzlich war das Stadion still. Nur die knapp 500 mitgereisten Hull-Fans jubelten, als wären sie Zeugen einer Meisterschaft. "Wir haben nie aufgehört zu glauben", sagte Trainer Oergel nach der Partie mit einem zufriedenen Grinsen. "Und Jürgen hat sich wohl selbst überrascht. Ich glaube, er wusste gar nicht, dass er so treffen kann." Petersen selbst winkte ab: "Ich hatte einfach Glück, dass ich nicht drübergehauen hab." Yeading-Coach - der seinen Namen lieber nicht in die Schlagzeilen bringen wollte - war weniger amüsiert: "Wir haben 55 Prozent Ballbesitz, aber Hull hatte 100 Prozent Effizienz. Das ist bitter." In der Kabine sei es ruhig gewesen, erzählte Warrington später. "Keiner hat was gesagt. Nur der Toaster im Spielertunnel hat noch gequalmt." Die Statistik unterstreicht die Geschichte: 17 Torschüsse für Hull, nur 5 für Yeading. Eine Abwehrschlacht, die lange gutging - bis sie es nicht mehr tat. Ballbesitz schön und gut, aber Fußball bleibt ein Ergebnissport, und manchmal genügt ein Verteidiger mit Stürmerinstinkt. Die Tigers zeigten am Ende, warum sie ihren Namen tragen. Ein kurzer Moment der Schwäche des Gegners, zwei präzise Bisse - und das Spiel war erledigt. Für Yeading bleibt die Erkenntnis, dass 80 gute Minuten eben nicht reichen, wenn man gegen ein Team spielt, das in den letzten zehn plötzlich beschließt, wirklich Fußball zu spielen. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne beim Abpfiff sagte: "Ich bin nicht sicher, ob Hull gewonnen hat - oder Yeading einfach aufgehört hat." Vielleicht war es beides. Und so endete ein Abend, der als Musterbeispiel britischer Zweitligaromantik in Erinnerung bleiben dürfte: kämpferisch, unvernünftig und mit einem Hauch Tragikomik. 14.05.643987 20:56 |
Sprücheklopfer
Die Nase ist halt eine verletzliche Stelle, und wenn man sie mit den Stollen oder der Fußspitze berührt, kommt es zu Nasenbluten.
Günter Netzer