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Deportivo Tucumán gegen Estudiantes La Plata - das klang schon vor dem Anpfiff nach einem Fußballabend mit Drama-Garantie. 46.282 Zuschauer im Estadio Monumental José Fierro bekamen beim 1:1 (1:0) am 7. Spieltag der 1. Liga Argentiniens tatsächlich alles geboten, was den Puls treibt: ein früher Treffer, ein verletzter Abwehrspieler, ein wütender Trainer an der Seitenlinie - und ein später Ausgleich, der die Hausherren fassungslos zurückließ. Schon nach acht Minuten bebte das Stadion. Der erst 18-jährige Dimas Postiga, der aussieht, als ginge er noch zur Schule, traf nach Vorarbeit des jungen Innenverteidigers Noe Gama zur Führung für Deportivo. Ein klassischer Konter, wie ihn Trainer Franz Fritz vermutlich nachts im Schlaf zeichnet: langer Ball, ungestümer Sprint, trockener Abschluss. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Postiga später, "und gehofft, dass ich den Ball nicht ins Parkett der Tribüne jage." Estudiantes hingegen wirkte überrascht - aber nur kurz. Denn was dann folgte, war eine Lehrstunde in Ballbesitzfußball. 56 Prozent Spielanteile, 16 Schüsse aufs Tor, aber eben nur ein Treffer. Trainer Roman Pilgram schien zwischen Genie und Wahnsinn zu pendeln: Immer wieder trieb er seine Mannschaft nach vorn, fuchtelte mit den Armen, als wolle er den Ball selbst über die Linie drücken. "Wir haben Chancen für drei Spiele gehabt", seufzte er nach Abpfiff, "aber anscheinend braucht mein Team erst Herzklopfen, um zu treffen." Herzklopfen bekam vor allem Tucumáns Torwart Heikki Peltonen, der mit 18 Jahren sein Debüt feierte - und dabei gleich reihenweise Hochkaräter entschärfte. In der 7. Minute lenkte er einen Schuss von Jacinto Varela über die Latte, in der 63. Minute stand er Mathias Weyenberg im Eins-gegen-eins im Weg. Man konnte fast glauben, der junge Finne habe einen Magneten in den Handschuhen. "Heikki war Wahnsinn", lobte Trainer Fritz. "So ruhig, so cool - ich wünschte, ich wäre beim Elfmetertraining auch so cool." Doch das Glück hielt nicht ewig. In der 64. Minute verletzte sich Innenverteidiger Gama bei einem Klärungsversuch und musste raus. Das Publikum hielt kurz den Atem an, als er humpelnd vom Platz geführt wurde. Ersatzmann Vitor Ibanez kam - und kämpfte wie ein Löwe, aber die defensive Ordnung wackelte. Fritz gestikulierte wild, rief "Zwei Ketten, nicht drei!", doch Estudiantes roch Blut. In der Schlussphase spielten die Gäste Powerplay. James Leech, der zur Pause gekommen war, feuerte aus allen Lagen. Dreimal scheiterte er knapp, einmal krachte der Ball an den Pfosten, und in der 89. Minute war es dann so weit: Nach feinem Zuspiel von Taylor Edgecomb drosch Leech den Ball unter die Latte - 1:1. Schweigen im Stadion, Jubel im Gästeblock. "Ich hab nur gedacht: endlich!", lachte Leech nach der Partie. "Taylor hat mir den Ball auf den Teller gelegt - da wär selbst mein Großvater nicht vorbeigeschossen." Fritz hingegen schlug die Hände vors Gesicht. "So kurz vor Schluss - das tut weh", murmelte er, während hinter ihm ein Fan mit Plastikbecher rief: "Franz, stell die Uhr auf 88 Minuten!" Taktisch blieb Tucumán seiner Linie treu: offensiv, lange Bälle, aber ohne übertriebenes Pressing. Estudiantes dagegen drehte in der zweiten Hälfte auf - mit aggressivem Pressing, kurzen Pässen und vollem Einsatz. Die Gäste liefen fast doppelt so viel, gewannen mehr Zweikämpfe (57 Prozent) und hatten schlicht die größere Wucht. Trotzdem hätte Tucumán beinahe gewonnen. Nach Abpfiff schüttelten sich beide Trainer die Hand, als hätten sie gerade eine hitzige Schachpartie beendet. Pilgram grinste: "Wir haben uns das Unentschieden erarbeitet." Fritz konterte trocken: "Ihr habt’s euch erkämpft - und wir’s verschenkt." In den Katakomben hörte man noch, wie ein Tucumán-Spieler seinen Kollegen anstupste: "Nächstes Mal machen wir das 2:0, bevor sie merken, dass sie mitspielen dürfen." Ein Satz, der wohl sinnbildlich für dieses Spiel steht: engagiert, leidenschaftlich, aber am Ende fehlte das Quäntchen Cleverness. Vielleicht wird der junge Dimas Postiga in ein paar Jahren sagen: "Damals, 2026, gegen Estudiantes - da hab ich mein erstes Tor gemacht." Und vielleicht denkt er dann auch an diesen bitteren Moment kurz vor Schluss. Denn wenn Fußball etwas lehrt, dann das: Ein Spiel dauert eben nicht nur 90, sondern manchmal 89 Minuten zu lang. 29.03.643987 14:51 |
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Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon