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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, warum Fußball eigentlich 90 Minuten dauert - und nicht 70. Denn bis weit in die zweite Halbzeit hinein sah alles danach aus, als würde Gormick Zabrze am 7. Spieltag der 1. Liga Polen einen verdienten Heimsieg feiern. Doch dann kam SK Pruszkow - jung, wild und mit einem 18-jährigen Matchwinner, der offenbar keine Nerven kennt. Am Ende stand es 1:2 (1:0), und 32.000 Zuschauer im Stadion von Zabrze rieben sich verwundert die Augen. Dabei hatte der Abend so verheißungsvoll begonnen. Gormick, von Beginn an offensiv eingestellt, drückte von der ersten Minute an. Trainer der Hausherren - der Name bleibt hier ausnahmsweise ungenannt, vielleicht zum Selbstschutz - hatte seine Mannschaft auf Attacke getrimmt: "Wir wollten früh signalisieren, dass hier nur einer die Musik spielt", erklärte er später mit leicht brüchiger Stimme. Und tatsächlich: Nach einer halben Stunde brandete Jubel auf. Refet Catkic, der umtriebige linke Mittelfeldmann, vollendete in der 26. Minute eine sehenswerte Kombination, eingeleitet vom flinken Robbe Apers. 1:0 - und das Stadion bebte. "Ich habe nur gehofft, dass er nicht abzieht", grinste Catkic nach der Partie und meinte damit seinen Kollegen Apers, der kurz vor dem Pass noch leicht gestrauchelt war. "Aber Robbe hat’s dann perfekt gemacht. Ich musste nur noch den Fuß hinhalten." Es war der Moment, in dem Zabrze die Partie scheinbar im Griff hatte. Bis zur Pause blieb es beim knappen, aber verdienten Vorsprung. Die Gastgeber führten in den Statistiken leicht: 48,6 Prozent Ballbesitz, 11 Torschüsse - exakt so viele wie der Gegner, aber mit deutlich mehr Zielstrebigkeit. Die Fans träumten bereits vom Sprung in die obere Tabellenhälfte. Doch im Fußball ist Statistik bekanntlich das, was man liest, wenn man verloren hat. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. SK Pruszkow, bis dahin eher kontrolliert als gefährlich, wurde mutiger. Trainer Stefan Petruck hatte offenbar in der Kabine die richtigen Worte gefunden. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr schon hier seid, könnt ihr auch Fußball spielen", lachte der Coach später. Und seine Jungs hörten zu. Besonders zwei Namen prägten die zweite Halbzeit: Angelo De Santis, der 31-jährige Routinier auf der rechten Seite, und der 18-jährige Stanislaw Ogaza, ein Linksaußen mit der Unbekümmertheit eines Straßenfußballers. In der 72. Minute kombinierten die beiden so, als hätten sie nie etwas anderes getan: De Santis flankte, Ogaza nahm den Ball elegant an und schob zum 1:1 ein. Jubel im Gästeblock - und betretenes Schweigen auf der Heimtribüne. "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin war", gestand Ogaza hinterher, "aber als Angelo losrannte, wusste ich, dass es gut war." Gormick Zabrze versuchte zu reagieren, blieb aber seltsam fahrig. Pedro Derlei prüfte den jungen Pruszkow-Keeper Humberto Miguel in der 91. Minute noch einmal, doch der 17-Jährige (!) blieb eiskalt. "Ich hab einfach gehofft, dass er dahin schießt, wo ich schon stand", meinte Miguel trocken. Kurz zuvor hatte Angelo De Santis die Partie endgültig gedreht. Der erfahrene Mittelfeldmann nutzte in der 88. Minute eine Unachtsamkeit in der Zabrzer Abwehr, setzte sich über rechts durch und traf aus spitzem Winkel zum 1:2. Vorlagegeber Tomasz Mieciel, ebenfalls erst 18, jubelte, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Ich hab einfach blind in die Mitte gespielt", gab Mieciel zu, "aber bei Angelo weiß man: Der findet irgendwie den Weg." Zabrze war geschlagen - und das, obwohl die Zahlen ausgeglichen wirkten. Beide Teams kamen auf 11 Torschüsse, der Ballbesitz war nahezu pari, und auch in den Zweikämpfen lag kaum ein Unterschied. Doch am Ende zählen eben nur Tore - und da hatte Pruszkow einfach die besseren Nerven. Die Gelben Karten für Veljko Ivic (30.) und Adrian Kosowski (69.) störten den Spielfluss der Gäste kaum. Im Gegenteil: Es schien, als hätten sie den jungen Wilden nur noch mehr Anreiz gegeben. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur schön spielen, sondern auch beißen können", sagte De Santis nach dem Spiel mit einem Augenzwinkern. Während die Pruszkower Spieler nach Abpfiff ausgelassen vor ihrem Anhang tanzten, blieb auf der anderen Seite bedrückte Stille. Nur Catkic, der Torschütze des Abends für Zabrze, nahm’s mit Galgenhumor: "Wenn man 1:0 führt und am Ende 1:2 verliert, dann weiß man wenigstens, dass man die Schlagzeilen bekommt." Vielleicht hat er recht. Und vielleicht sollte man bei Gormick Zabrze künftig über 70-Minuten-Spiele nachdenken - da wären sie gestern nämlich Tabellenführer geworden. 19.04.643987 16:07 |
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Mario Basler