// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war einer dieser kühlen Märzabende im Allgäu, an denen der Atem in kleinen Wölkchen über dem Rasen tanzt und die Stadionwurst dampft wie ein Hochofen. 13.062 Zuschauer froren, jubelten und litten mit - meist Letzteres, jedenfalls bis zur 83. Minute. Dann erlöste Michael Siebert die Fans von Weiler im Allgäu und sorgte mit seinem Treffer zum 1:0-Endstand für kollektive Ekstase auf den Tribünen. Dabei hatte es bis dahin lange nach einem dieser torlosen Fußballabende ausgesehen, die selbst den engagiertesten Fan an den Glühweinstand treiben. Weiler startete offensiv, wie es Trainer Mino Raiola angekündigt hatte. "Wir wollten TeBe von Anfang an beschäftigen", erklärte er später mit einem zufriedenen Grinsen. Und tatsächlich: Schon nach zwei Minuten prüfte Rechtsverteidiger Michel Hierro den Berliner Keeper Olav Gärtner mit einem satten Distanzschuss. Der Ball zischte knapp vorbei - ein frühes Signal. Weiler drückte, Linus Berger schoss sich in der ersten halben Stunde warm wie ein Scharfschütze auf der Schießbude, aber das Netz blieb unberührt. TeBe Berlin verteidigte tief, fast schon museumshaft konservativ. Trainer Axel Herr hatte seine Elf klar defensiv eingestellt, was sich in den Zahlen widerspiegelte: Nur vier Torschüsse im gesamten Spiel, dafür 44 Prozent Ballbesitz - und wahrscheinlich doppelt so viele Befreiungsschläge. In der 34. Minute hatte Jannick Fritsch die beste Gelegenheit der ersten Hälfte, aber Gärtner streckte sich wie eine Katze und fischte den Ball aus dem Winkel. "Ich hab den schon drin gesehen", grinste Fritsch später, "aber der Keeper hat wohl längere Arme als ich dachte." Auch Samuel Erskine prüfte kurz vor der Pause die Berliner Abwehr, doch es blieb beim torlosen 0:0 zur Halbzeit. Nach dem Wechsel wurde es ruppiger - und kurioser. In der 51. Minute musste TeBes Flügelflitzer Fritjof Norgaard verletzt vom Platz, ersetzt von Jannick Kurz. Nur wenig später, in der 64. Minute, verlor Berlin endgültig die Ordnung: Rechtsmittelfeldmann Finn Max sah glatt Rot nach einem Tritt, der so ungestüm war, dass selbst der Allgäuer Rasen beleidigt wirkte. "Er hat den Ball nicht mal gesehen", murrte ein Berliner Fan von der Tribüne. Weiler nutzte die Überzahl, um das Tempo hochzuhalten. Trainer Raiola reagierte in der 60. Minute clever, brachte mit dem 17-jährigen Tomasz Stoll frischen Schwung in den Sturm. "Ich hab ihm gesagt: Lauf einfach, Junge - und wenn du fällst, steh wieder auf", erzählte Raiola schmunzelnd. Die Chancen häuften sich: Berger schoss in der 58., 65. und 70. Minute, als wollte er das Tornetz persönlich überzeugen, endlich nachzugeben. Doch erst Siebert sollte das Spiel entscheiden. In der 83. Minute setzte Nick Scherer im Mittelfeld energisch nach, eroberte den Ball und schickte Siebert mit einem Pass in die Tiefe. Der zögerte keinen Moment - und drosch das Leder humorlos in die Maschen. 1:0. Das Stadion bebte. "Ich hab nur gedacht: Schieß, bevor du nachdenkst", lachte Siebert nach dem Spiel. "Zum Glück hab ich auf mich gehört." Scherer, der Vorlagengeber, sah das ähnlich: "Das war so ein Ball, bei dem du weißt: Wenn er den nicht reinmacht, beschimpft dich der Trainer. Also lieber perfekt passen." TeBe versuchte in den letzten Minuten noch einmal alles, aber in Unterzahl blieb es beim Versuch. Statt gefährlicher Angriffe gab es in der 88. Minute die nächste Gelbe Karte - Stanko Jovanovic grätschte zu spät, zu hart und zu frustriert. Nach dem Abpfiff war die Stimmung eindeutig: Weiler hatte sich den Sieg redlich verdient. 15 Torschüsse zu 4, 56 Prozent Ballbesitz und eine Zweikampfquote von 55 Prozent sprechen eine klare Sprache. "Wir haben gearbeitet, gelitten und dann belohnt", fasste Raiola zusammen. Sein Berliner Kollege Herr seufzte: "Wir haben gut angefangen, dann kam die Rote - und danach war’s wie Schach mit neun Figuren." Während die Spieler von Weiler mit den Fans feierten, polierte der Stadionsprecher bereits seine Stimme für den nächsten Heimauftritt. Die Allgäuer haben mit diesem Sieg gezeigt, dass sie in der 3. Liga mehr sind als nur ein netter Dorfklub. Und TeBe Berlin? Nun, sie werden wohl noch eine Weile über den Platzverweis und den verpassten Punkt grübeln. Ein Fan brachte es beim Hinausgehen auf den Punkt: "War kein Spiel für Feingeister, aber eins fürs Herz." Und irgendwie trifft das genau den Abend in Weiler im Allgäu. 04.12.643993 16:36 |
Sprücheklopfer
Der soll sein Weißbier trinken und die Klappe halten!
Rudi Assauer über Udo Lattek