Haaretz Sports
+++ Sportzeitung für Israel +++

Spektakel zum Auftakt: Raanana und Tirat Carmel teilen sich die Punkte

Wer zum Saisonauftakt der 1. Liga Israel am Freitagabend ins Raanana-Stadion gekommen war, bekam für sein Eintrittsgeld ein Fußball-Feuerwerk serviert - und das ganz ohne Pyrotechnik. 29.327 Zuschauer sahen beim 3:3 zwischen den Raanana Reds und Tirat Carmel FC ein Spiel, das alles bot: sehenswerte Tore, gelbe Karten, hitzige Trainer und eine Stadiondurchsage, die kaum mit dem Zählen hinterherkam.

Schon vor dem Anpfiff hatte Raananas Trainer Levi Ackerman mit ernster Miene verkündet: "Wir spielen heute mit Herz, nicht mit Taschenrechner." Der Mathematik hätte er sich aber ruhig bedienen dürfen - seine Abwehr schien zwischendurch nicht zu wissen, dass Zahlen auch Ordnung bedeuten können.

Tirat Carmel begann stürmisch, ganz im Stil von Babsi Klemm, die ihre Mannschaft mit offensiver Ausrichtung und Flügelspiel auf den Rasen schickte. Bereits in der zweiten Minute prüfte Fabian Wirtz den heimischen Keeper Mordechai Sahar - ein Warnschuss, im wahrsten Sinne. Nach einer halben Stunde war das Warnen vorbei: Rechtsverteidiger Hjalmar Dalgaard rauschte in der 34. Minute nach vorn, bekam den Ball von Sigurd Carlsen serviert und traf trocken ins lange Eck. 1:0 für die Gäste - und das Stadion verstummte kurz.

Doch Raanana wäre nicht Raanana, wenn sie sich so leicht beeindrucken ließen. Gerade noch hatte Trainer Ackerman lautstark "Ruhe!" gerufen, da donnerte Ami Itzik in der 43. Minute den Ball nach feiner Vorarbeit von Mosche Itzhaki unter die Latte. 1:1 - und der Trainer grinste: "Manchmal verstehen die Jungs mich auch ohne Taktiktafel."

Nach der Pause ging es munter weiter. Tirat Carmel blieb offensiv, Raanana konterte clever. In der 51. Minute brachte Ethan Marley die Gäste wieder in Führung. Nach Zuckerpass von Bram Sleeper zirkelte er den Ball sehenswert ins Eck - ein Tor, das in jedem Saisonrückblick laufen dürfte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Marley später. "Wenn man so viel Platz hat, muss man was draus machen."

Doch die Reds hatten die passende Antwort gleich parat - und was für eine. Zwischen Minute 58 und 59 schlugen sie doppelt zu. Erst traf Nicolas Fryer nach Vorarbeit von Linksverteidiger Rhys Baptiste zum 2:2, dann drehte Menachem Shitrit nach Pass von Ophir Vollach das Spiel mit einem Schuss, der wohl noch im nächsten Stadtteil zu hören war. 3:2 - das Stadion vibrierte, und Levi Ackerman ballte die Faust, als hätte er gerade persönlich getroffen.

Aber Tirat Carmel gab sich nicht geschlagen. In der 73. Minute stieg Innenverteidiger Robert Catalano nach einer Ecke am höchsten und köpfte den Ball wuchtig ins Netz. Die Vorlage kam von Ivica Jovanovic, der kurz darauf ausgewechselt wurde - erschöpft, aber zufrieden. "Ich hab gesagt, ich bring noch was Gutes, bevor ich runtergehe", lachte er in der Mixed Zone.

Danach war es ein offener Schlagabtausch. Die Reds hatten mit 57 Prozent Ballbesitz und 16 Torschüssen zwar leichte Vorteile, doch Tirat Carmels 14 Abschlüsse sorgten immer wieder für Herzklopfen bei den Heimfans. Besonders in der Schlussphase, als Joel Cantwell und Bram Sleeper in der Nachspielzeit fast noch den Siegtreffer erzielten.

Die gelben Karten für Meir Hanegbi (70.) und Catalano (80.) passten ins Bild eines intensiven, aber fairen Duells. Beide Teams gingen bis zum Schluss volles Risiko, wobei Ackerman lautstark dirigierte, während Babsi Klemm an der Seitenlinie mit stoischer Ruhe ihre Notizen machte. "Ich hab schon hitzigere Trainer gesehen", witzelte sie nach dem Spiel. "Aber Levi könnte glatt als Dirigent durchgehen."

Nach Abpfiff lagen sich erschöpfte Spieler in den Armen, während die Fans jubelten, als hätten beide Teams gewonnen. "Das war Werbung für den israelischen Fußball", sagte Raananas Torschütze Fryer, "auch wenn mein Herz das nächste Mal lieber ein 1:0 hätte."

Und so endete der Abend, wie er begonnen hatte - mit einem offenen Schlagabtausch, viel Tempo und einer Prise Chaos. Das 3:3 fühlte sich an wie ein gerechtes Urteil in einem Spiel, das keinen Verlierer verdient hatte.

Oder, wie Trainer Ackerman es mit einem Augenzwinkern formulierte: "Wenn wir jede Woche so spielen, brauche ich bald keinen Fitnesscoach mehr - nur noch einen Psychologen."

22.11.644002 08:25
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