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Wenn 19.384 Zuschauer an einem kühlen Februarabend in La Spezia ein Stadion füllen, dann erwartet man Drama, Leidenschaft und ein bisschen Chaos - und das bekamen sie, wenn auch in homöopathischen Dosen. Das 1:1 zwischen Spezia und Rodengo Saiano am 9. Spieltag der 3. Liga Italien (1. Div) war kein Fußballfest, aber ein Paradebeispiel dafür, wie man 90 Minuten mit Anstand und viel Ballbesitz (56 %) in ein Unentschieden verwandelt. Spezia begann druckvoll, als wolle man den Gästen aus der Lombardei gleich zu Beginn den Appetit verderben. Schon in der 2. Minute prüfte Kenan Tosun den Gästetorhüter Niccolò Argusto - ein Schuss, der mehr nach "Aufwärmprogramm" aussah als nach Torgefahr. Doch dann, in der 16. Minute, schlug Rodengo Saiano eiskalt zu: Alessandro Vegliaturo, gerade einmal 21 Jahre alt und offenbar ohne Respekt vor großen Namen, verwandelte eine feine Vorlage von Luca Cariati zur 1:0-Führung. Ein Angriff wie aus dem Lehrbuch - und wie aus dem Nichts. "Wir hatten das Spiel eigentlich im Griff, und dann vergessen wir, dass Tore zum Fußball dazugehören", knurrte ein sichtlich genervter Spezia-Coach nach der Partie, während er demonstrativ seine Wasserflasche zudrehte. Doch Spezia reagierte. Acht Minuten später war Joel Lutz zur Stelle - der 29-jährige Rechtsaußen verwertete einen Pass von Mario Greca mit der kalten Präzision eines Chirurgen. 1:1, und das Stadion atmete hörbar auf. "Ich hab den Ball einfach mal draufgehalten", grinste Lutz später. "Wenn man 18 Torschüsse hat, darf einer ja ruhig reingehen." Ab da entwickelte sich ein Spiel, das man höflich als "intensiv" bezeichnen könnte. Spezia rannte, kombinierte und schoss - teilweise aus allen Lagen. Matteo Romeo versuchte sich gleich mehrfach zwischen der 29. und 35. Minute, Michele Bianchi zog aus 20 Metern ab, Tosun prüfte den Keeper, und selbst Linksverteidiger Paolo Colussi durfte ran. Das Tor der Gäste schien jedoch verhext oder mit einem unsichtbaren Magnetfeld gegen Spezia-Schüsse versehen. Rodengo Saiano dagegen lauerte auf Konter. Trainer Jan Beyer, ein Mann mit norddeutscher Ruhe und italienischer Leidenschaft, ließ seine Elf diszipliniert verteidigen. "Wir wussten, dass Spezia gerne den Ball hat. Also haben wir ihn ihnen gelassen", erklärte er mit einem spitzbübischen Lächeln. Tatsächlich beschränkten sich seine Mannen auf neun Abschlüsse - aber jeder davon hatte mehr Herzklopfen-Potenzial als so mancher Spezia-Angriff. In der zweiten Halbzeit verflachte die Partie etwas, was auch daran lag, dass Rodengo Saiano die Räume noch enger machte als ein sardischer Parkplatz im Hochsommer. Die Einwechslung des jungen Domenico Roggiano zur Pause brachte frischen Wind ins Mittelfeld, während Spezia weiter verzweifelt das Tempo hochhielt. Die beste Chance des Abends hatte wieder einmal Filippo Terinese in der 72. Minute, doch Argusto fischte den Ball aus dem Winkel, als wäre es die leichteste Übung der Welt. "Ich hab den schon drinnen gesehen", seufzte Terinese nach dem Spiel. "Aber anscheinend hat der Ball heute lieber Sightseeing betrieben." Die Zuschauer honorierten den Einsatz beider Teams mit warmem Applaus, auch wenn so mancher Fan den Eindruck hatte, dass Spezia eher auf Ballbesitz-Statistik als auf Tore spielte. 18 Schüsse, 56 % Ballbesitz, 53 % gewonnene Zweikämpfe - das liest sich gut, fühlt sich aber an wie ein Roman ohne Schlusskapitel. Zum Ende hin wurde es noch einmal wild: Trainer Beyer brachte in der 80. Minute den erfahrenen Antonio Cocco für den Torschützen Vegliaturo, offenbar in der Hoffnung, dass Routine das Spiel noch kippen könnte. Doch Spezia verteidigte solide, wenn auch mit zunehmender Nervosität. In der Nachspielzeit brüllte ein Fan von der Tribüne: "Noch ein Schuss, Jungs, nur einer!" - doch die Mannschaft schien genauso müde wie der Schiedsrichter, der kurz darauf erlöst abpfiff. "Ein gerechtes Ergebnis", urteilte Spezia-Kapitän Michele Bianchi später nüchtern. "Wir hätten gewinnen können, aber auch verlieren. Also nennen wir’s Schicksal." Und so endete ein Spiel, das keine Sieger, aber immerhin 19.384 Zeugen hatte - und zwei Teams, die sich den Punkt ehrlich erarbeitet haben. Vielleicht, so könnte man sagen, war es ein Fußballabend für Taktikfreunde, Statistikliebhaber und alle, die ihre Spannung lieber in kleinen Dosen genießen. Oder, wie ein Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Nicht schön, aber wenigstens vorbei." 30.08.643990 13:51 |
Sprücheklopfer
Wir sollten nicht alles ins Korn schmeißen.
Franz Beckenbauer