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Ein nasskalter Januarabend in London, Flutlicht, 27.000 Zuschauer - und ein Spiel, das alles hatte, was man in der 2. Liga England erwartet: Leidenschaft, Fehlpässe, Gelbe Karten und einen Schiedsrichter, der offenbar auf Drama aus war. Am Ende trennten sich die London Spurs und die Hull Tigers mit 1:1, ein Ergebnis, das beiden Teams nur bedingt weiterhilft, aber für Gesprächsstoff bis zum nächsten Spieltag sorgen dürfte. Die erste Hälfte war ein einziger Beweis dafür, dass Ballbesitz (54 Prozent für die Spurs) nicht gleich Spielkontrolle ist. Die Hausherren kombinierten gefällig bis zum Strafraum, verhedderten sich dann aber regelmäßig in der Tiger-Abwehr. Hull dagegen lauerte auf Konter über die schnellen Flügel - besonders über Billy Chamberlain, der in der 32. und 34. Minute gleich doppelt abzog, aber stets an Keeper Andre Bachmann scheiterte. "Ich dachte, einer davon muss doch rein", stöhnte Chamberlain später, "aber Bachmann hatte heute wohl Spinnenarme." Kurz vor der Pause wurde es erstmals ruppig: Hulls Alexander Bancroft sah Gelb nach einem rustikalen Einsteigen gegen Yossi Hanegbi. Dass Bancroft später zum tragischen Helden werden sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste endete - nur mit mehr Tempo. Kaum hatte der Stadionsprecher die Zuschauer zur Rückkehr von der Bratwurstbude aufgefordert, schlug Hull zu. In der 49. Minute nutzte Connor Wiltshire eine Unordnung in der Spurs-Hintermannschaft, zog aus 14 Metern ab und traf trocken ins lange Eck. 0:1 - und plötzlich war das Stadion still, bis auf eine Handvoll jubelnder Gästeanhänger im Oberrang. "Wir haben geschlafen", brummte Spurs-Verteidiger Andre Hasson später, "und dann klingelt’s halt." Trainer der Londoner - ein Mann, der im Regen aussieht, als gehöre er in einen Werbespot für nasse Mäntel - schrie seine Spieler anschließend so laut zusammen, dass selbst die Ersatzspieler kurz aufstanden. Doch die Spurs zeigten Moral. Nach einer Druckphase mit Chancen für Sadun Biryol und Leon Ackland fiel in der 71. Minute der Ausgleich: Hasson schlug einen langen Ball aus der eigenen Hälfte, Stanko Sulejmani nahm ihn technisch stark mit der Brust an, drehte sich und vollendete per Flachschuss ins rechte Eck. Ein Tor aus dem Nichts, aber von der Sorte, die ein Stadion wiederbelebt. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Sulejmani, "und diesmal war der Ball so nett, reinzugehen." Danach wurde es hitzig. In der 77. Minute erwischte es ausgerechnet Bancroft, der nach einem taktischen Foul seine zweite Gelbe sah - Gelb-Rot, duschen gehen. Trainer Mathias Oergel von den Hull Tigers kommentierte trocken: "Er wollte wohl zeigen, dass er auch sprinten kann - nur halt zum Ausgang." Trotzdem blieb sein Team gefährlich: ganze 18 Torschüsse verzeichneten die Gäste insgesamt, während die Spurs nur auf sieben kamen. In der 82. Minute dann der nächste Platzverweis: Spurs-Verteidiger Jacques Girard sah glatt Rot nach einem übermotivierten Grätschen. "Er hat einfach zu viel Energie gehabt", meinte ein Mitspieler mit einem gequälten Lächeln. Von da an war es elf gegen zehn gegen zehn - ein wildes Durcheinander mit offenem Visier. Hull drückte, schoss aus allen Lagen (manche eher in Richtung Parkhaus als Tor), während Sulejmani in der 90. Minute fast noch den Siegtreffer erzielte. Sein Schuss strich jedoch Zentimeter über die Latte - ein passendes Symbol für diesen Abend, an dem weder Glück noch Linie zu finden waren. "Am Ende war’s ein gerechtes Unentschieden", resümierte Spurs-Kapitän Julien Deschanel, "wir hatten Herz, sie hatten mehr Schüsse - und der Schiedsrichter hatte offenbar Spaß." Selbst die neutrale Statistik stützt ihn: 54 Prozent Ballbesitz für London, aber 18:7 Schüsse für Hull - man könnte sagen, beide Teams haben sich gegenseitig neutralisiert. Trainer Oergel fasste das Spiel mit typisch englischem Understatement zusammen: "Wir hätten gewinnen können. Oder verlieren. Also passt das schon." So bleibt ein 1:1, das sich in der Tabelle kaum bemerkbar macht, aber im Gedächtnis bleibt - wegen der Emotionen, der Karten und eines Stürmers namens Sulejmani, der nach Abpfiff lachend meinte: "Ich liebe solche Spiele - da weiß man wenigstens, dass man lebt." Und irgendwo in der Londoner Nacht klang es, als ob der Regen leise Beifall klatschte. 29.03.643987 14:52 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel