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Paris, 3. Januar 2026 - Wenn zwei Pariser Klubs aufeinandertreffen, ist das kein normales Fußballspiel, sondern eine emotionale Bürgerversammlung mit Ball. 45.744 Zuschauer im Stade de la République bekamen am Samstagabend ein 2:2 serviert, das alles bot: Tempo, Trotz, Torgefahr - und das gute alte Gefühl, dass am Ende beide Seiten unzufrieden sind und doch keiner wirklich verloren hat. Paris FC, trainiert vom stets leidenschaftlichen Reinhold Richard, begann die Partie mit einer gehörigen Portion Angriffslust. Schon nach drei Minuten prüfte Vincent Gariepy den Keeper von Paris St. Michel, Volker Stoll, mit einem strammen Schuss. "Ich wollte gleich mal zeigen, wer hier das Heimrecht hat", grinste Gariepy später. Der Ballbesitz war fast ausgeglichen (49 zu 51 Prozent), doch die Hausherren wirkten wacher, bissiger - manchmal auch ein bisschen zu sehr. Richards Mannschaft spielte aggressiv, drückte von Beginn an und sammelte ganze zwölf Torschüsse. Die Zuschauer sahen ein Spiel, das anfangs mehr versprach, als es zunächst hielt. Chancen hüben wie drüben, aber zur Pause stand es 0:0. "In der Kabine habe ich gesagt: Wir schießen hier noch zwei Tore oder wir schlafen ein", verriet Richard. Seine Spieler entschieden sich fürs Erste. In der 53. Minute dann die Erlösung: Rechtsverteidiger Ricardo Gamoneda setzte sich auf seiner Seite durch, flankte scharf in den Strafraum, und Michel Carriere - 33 Jahre jung und mit der Erfahrung eines Mannes, der schon alles gesehen hat - schob den Ball trocken zum 1:0 ins Netz. Der Jubel hallte bis in die Katakomben. "Ich dachte, Ricardo flankt wieder zu kurz, aber diesmal war’s perfekt", lachte Carriere nach der Partie. Doch der Stadtrivale von der anderen Seine-Seite, trainiert vom ruhigen Strategen Jakub Jakubov, hatte eine Antwort parat. In der 68. Minute zog Linksverteidiger Franck Morin einfach mal ab - ausgerechnet er, der sonst lieber Flanken schlägt als Tore schießt. Der Ball schlug unhaltbar im Eck ein. 1:1 - und plötzlich vibrierte das Stadion in zwei verschiedenen Frequenzen. Kaum hatte sich St. Michel richtig gefreut, konterte Paris FC eiskalt. Nur zwei Minuten später stand Philippe Simard goldrichtig und drosch den Ball zum 2:1 in die Maschen. "Wir wollten sofort reagieren, nicht wieder in alte Muster verfallen", sagte Simard, der mit energischem Jubel Richtung Gästeblock sprintete. Aber weil diese Stadt anscheinend keine klaren Sieger duldet, schlug der Abend noch einmal um. In der 84. Minute kam St. Michels Adrian Lundqvist über rechts, flankte auf - nein, bekam den Ball von Morin zugespielt, drehte sich geschickt um seinen Gegenspieler und netzte zum 2:2. Es war der Moment, in dem die Fans beider Lager gleichzeitig stöhnten: die einen vor Enttäuschung, die anderen vor Erleichterung. "Wir haben Moral gezeigt", meinte Jakubov nach dem Abpfiff. "Aber ehrlich, ich hätte den Sieg auch mitgenommen." Sein Gegenüber Richard wurde da sarkastischer: "Zwei Tore geschossen, zwei bekommen - das nennt man in Paris wohl Gleichberechtigung." Die Schlussphase war ein offener Schlagabtausch. Lundqvist und Barbosa vergaben auf Seiten St. Michels noch zwei gute Chancen (86. und 90.), während der junge David Tremblay, gerade erst eingewechselt, auf der linken Seite tapfer dagegenhielt. Einmal rief Richard ihm zu: "David, nicht träumen, das ist kein Trainingsspiel!" - zur Erheiterung der Zuschauer in der Nähe der Trainerbank. Am Ende blieb es beim 2:2. In den Statistiken liest sich das Spiel fast wie ein Spiegelbild: 12 Torschüsse für Paris FC, 8 für St. Michel, Ballbesitz fast pari, Zweikampfquote leicht zugunsten der Hausherren. Nur die Tore - die teilte man sich großzügig. In den Katakomben herrschte nach Schlusspfiff eine Mischung aus Resignation und Galgenhumor. "Wenn Paris gegen Paris spielt, gewinnt am Ende immer - Paris", meinte Stürmer Gariepy mit einem Augenzwinkern, während im Hintergrund ein Reporter fragte, ob man das nicht als Friedensangebot werten könne. Das Stadtderby hatte alles, was ein gutes Drehbuch braucht: Dramatik, Wendungen, Emotion. Nur der Happy End blieb aus - doch dafür war’s ein Abend, an den sich die Hauptstadt noch eine Weile erinnern wird. Und irgendwo zwischen der Metro-Linie 6 und dem Boulevard Saint-Germain wird man heute Abend wieder darüber diskutieren, welche Seite eigentlich das "echte" Paris repräsentiert. Antwort: Beide - zumindest für 90 turbulente Minuten. 22.02.643987 14:14 |
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Für uns wäre es besser gewesen, wenn wir heute gewonnen hätten.
Erich Ribbeck