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Wenn der SV Steinbach am Samstagabend zum Flutlichtspiel bittet, dann riecht es meist nach Kampf, Gras und dieser unverwechselbaren Mischung aus Bratwurstrauch und Hoffnung. 3330 Zuschauer füllten das beschauliche Stadion am Bornberg, und sie sollten nicht enttäuscht werden: Mit 3:0 schickte die Elf von Trainer Martin Schmittel die Gäste von Rot-Weiß Mainz auf die Heimreise - und das mit einem Offensivdrang, der selbst erfahrene Regionalliga-Augen reiben ließ. Dabei begann alles noch recht gemächlich. Mainz wirkte zunächst geordnet, Steinbach tastete sich heran. Doch schon nach wenigen Minuten rauschte Bogdan Raducanu zweimal gefährlich in den Strafraum, verfehlte das Ziel aber knapp. "Ich wollte ihn mit Gefühl reinschlenzen", grinste der Stürmer später, "aber offenbar hatte der Ball heute kein Gefühl für mich." In der 18. Minute war es dann so weit: Der 20-jährige Mittelfeldspieler Hartmut Philipp, der ohnehin aussah, als hätte er noch am Nachmittag für die Uni gelernt, zog nach feinem Zuspiel von Rechtsverteidiger Nuno Benitez aus zentraler Position ab - und traf. 1:0, Jubel, Bengalos, Gesänge. Trainer Schmittel ballte die Faust, Mainz-Trainer - namentlich nicht genannt, aber sichtbar fassungslos - schüttelte den Kopf. Mainz hatte zwar etwas mehr Ballbesitz (51,8 Prozent, um genau zu sein), aber das wirkte eher wie gepflegtes Ballstreicheln ohne Durchschlagskraft. Drei kümmerliche Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto - und die meisten davon erinnerten mehr an Rückgaben als an Offensivaktionen. Steinbach dagegen feuerte aus allen Lagen. 26 Torschüsse - eine ganze Salve, die Torwart Leon Kramer mehrfach zu artistischen Flugeinlagen zwang. "Ich hab’ mir fast den Rücken verrenkt, so oft wie ich fliegen musste", stöhnte der Mainzer Keeper nach Abpfiff. "Aber wenigstens hab ich ein paar für die Highlight-Clips." Nach der Pause änderte sich wenig: Steinbach blieb offensiv, Mainz blieb höflich defensiv. In der 55. Minute dann der nächste Nadelstich. Der flinke Mittelfeldspieler Christoph Vogt zog nach Doppelpass mit dem jungen Cesar Juarez ab - 2:0. Ein Treffer, der so präzise war, dass man glauben konnte, er sei vom Reißbrett gefallen. "Das war einer dieser Momente, wo man einfach nicht nachdenkt", sagte Vogt später, "weil man sonst eh danebenhaut." Rot-Weiß Mainz versuchte, zumindest etwas Körperkontakt aufzubauen. Zwei Gelbe Karten (Timo Bauer, 73.; Harald Barth, 88.) zeugten vom Versuch, Härte ins Spiel zu bringen. Der Versuch blieb Versuch. Steinbach spielte weiter befreit, lachte, kombinierte - und traf noch einmal. In der 77. Minute setzte Hartmut Philipp, der bereits das erste Tor erzielt hatte, zu einem cleveren Pass auf Adrian Kristinsson an. Der Isländer nahm den Ball in vollem Lauf, schaute kurz und drosch ihn kompromisslos ins Netz - 3:0. Mainz war nun endgültig bedient. Trainer Schmittel drehte sich zur Tribüne, hob beide Daumen und sagte später schmunzelnd: "Ich wollte eigentlich defensiver spielen lassen, aber die Jungs haben mich einfach ignoriert. Gut so." Zum Schluss gab es noch eine unschöne Szene: Philipp verletzte sich in der Nachspielzeit leicht, wurde ausgewechselt, winkte aber lächelnd ab. "Nur ein Krampf", rief er den Fans zu. Und die feierten ihn trotzdem, als hätte er gerade den Pokal geholt. Statistisch gesehen war es vielleicht kein perfektes Spiel - 48 Prozent Ballbesitz für Steinbach sind kein Ausdruck von Dominanz -, aber wer so zielstrebig spielt, braucht keinen Ballbesitz, sondern Tore. Und davon hatten sie gleich drei. Mainz dagegen blieb blass, ideenlos und ohne erkennbaren Plan. Der SV Steinbach hat damit nicht nur drei Punkte, sondern auch ein Statement gesetzt. Die Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und taktischer Disziplin wirkt geradezu ansteckend. "Wenn wir so weitermachen, müssen wir uns vor niemandem verstecken", sagte Coach Schmittel beim Gang in die Kabine. Ein Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Das war kein Fußballspiel, das war ein Tanzabend - nur dass Mainz leider die Musik nicht kannte." Und so endete der Abend, wie er begonnen hatte: mit Gesang, Rauch und dieser besonderen Steinbacher Mischung aus Leidenschaft und Leichtigkeit. Wenn sie diese Form halten, könnte der Bornberg bald zur Festung werden - und die Regionalliga D um ein kleines Fußballmärchen reicher. 30.11.643990 13:39 |
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Als wir die Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma Null Point Null Prozent.
Franz Beckenbauer über die deutsche WM-Bewerbung 2006