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Ein kalter Januarabend, 20:15 Uhr in Mülheim-Speldorf. 4438 Zuschauer hatten sich im altehrwürdigen Stadion eingefunden, um ein Regionalliga-C-Spiel zu sehen, das eigentlich ein heißer Tanz werden sollte - und es wurde einer, nur eben mit einem sehr frühen Höhepunkt. Nach vier Minuten war der Ball schon im Netz, und am Ende stand es immer noch 1:0 für den VfB Speldorf. Timm Stumpf, 35 Jahre alt, rechte Mittelfeldkante mit der Ruhe eines Yoga-Lehrers, traf nach einer mustergültigen Vorlage von Lasse Rose. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt - ich dachte, der Ball fliegt in den Kanal hinterm Stadion", grinste Stumpf nach dem Spiel. Tat er aber nicht. Der Ball zischte ins Berliner Netz, und von da an hieß es: Speldorf verteidigt, Berlin verzweifelt. Dabei hatte TeBe Berlin alles andere als schlecht begonnen. Trainer Axel Herr ließ offensiv spielen, wie es die Taktikzettel auch verrieten: von Anfang bis Ende "OFFENSIVE", "BALANCED", "SURE" - klingt nach einer Strategie, die von Kontrolle und Geduld spricht. Nur, die Geduld hatte in diesem Spiel wohl nur der Schiedsrichter, der gleich drei Gelbe Karten verteilte, zwei davon an die Gastgeber (Manu in der 3. Minute, Kraft kurz vor der Pause). Nach dem frühen Rückstand drückte TeBe, aber so richtig zwingend wurde es selten. Joel Barth, gerade einmal 17 und mit der Unerschrockenheit eines Straßenkickers, prüfte Speldorfs Keeper Stephan Karl gleich mehrfach - in Minute 6, 52, 85, 91. Doch Karl war an diesem Abend schlicht unbezwingbar. "Der Junge hätte heute auch mit verbundenen Augen gehalten", murmelte ein Berliner Fan auf der Tribüne, während er in seinen Schal hustete. TeBe hatte am Ende mehr Ballbesitz (54 Prozent), mehr Schüsse aufs Tor (12 zu 6) und trotzdem weniger Grund zur Freude. "Wir haben uns selbst geschlagen", sagte Trainer Herr, sichtlich angefressen. "Wenn du zwölfmal aufs Tor schießt und keiner rein will, dann läuft irgendwas schief - aber nicht bei der Taktik." In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel ruppiger. Nach 48 Minuten musste Detlev Krauss, Berlins 18-jähriger Flügelflitzer, verletzt runter. Patrik Esser kam für ihn, und man merkte: Der Rhythmus war dahin. Während Berlin weiter anlief, wechselte Speldorf clever: Jacques Boissieu kam für den jungen Gonzalez, später ersetzte Johannes Rieger den müden Rafael Jung. Trainer Jakob Meier stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und grinste: "Wir haben das über die Zeit gebracht. Ein bisschen Glück, ein bisschen Beton - das reicht manchmal." Und Beton gab es reichlich. Die Speldorfer Hintermannschaft um Erik Bergmann und Oscar Diaz räumte kompromisslos ab. Wenn mal ein Ball durchkam, war Karl da. Als in der 64. Minute Mike Bach einen platzierten Schuss aus 20 Metern abfeuerte, flog Karl derart artistisch, dass ein Fotograf auf der Tribüne rief: "Das war Champions-League-tauglich!" - naja, fast. In Minute 88 sorgte Javier Manu noch einmal für Aufregung, als er nach einem energischen Dribbling selbst zum Abschluss kam. Der Ball verfehlte das Tor um Zentimeter, und Meier schrie ihm lachend zu: "Javier! Wir führen doch!" - daraufhin winkte Manu nur ab, als wollte er sagen: "Ein zweites Tor hätte ja nicht geschadet." Schiedsrichterin Petra Lenz pfiff nach 94 Minuten ab, und die Speldorfer Spieler fielen sich in die Arme, als hätten sie gerade den DFB-Pokal gewonnen. "Das war ein Arbeitssieg", sagte Stumpf, diesmal ernst. "Manchmal musst du einfach kämpfen, rennen, beißen - und hoffen, dass der Ball nicht wieder rausrollt." Berlin dagegen stapfte enttäuscht vom Platz. Joel Barth, der jüngste auf dem Feld, fasste es treffend zusammen: "Heute war’s wie Matheunterricht - viel gerechnet, aber nix Zählbares rausgekommen." Fazit: Speldorf mit der Effizienz eines Uhrwerks, Berlin mit der Spielanlage eines Künstlers ohne Pinsel. Und am Ende steht ein 1:0, das so nüchtern klingt wie ein Glas Leitungswasser - aber für Speldorf schmeckte es wie Champagner. Vielleicht war das ja der schönste hässliche Sieg der Saison. 24.10.643987 01:38 |
Sprücheklopfer
Der Abstieg trifft sicher eine Mannschaft, die noch gar nicht damit rechnet.
Friedel Rausch kurz bevor er mit dem Club absteigen musste