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Manchmal erzählt das Ergebnis nur die halbe Wahrheit. Das 0:0 zwischen dem SV Dessau und dem FC Kempten am 7. Spieltag der Verbandsliga F war so ein Fall. Die Statistik spricht eine klare Sprache: 23:3 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote, die jede BWL-Präsentation zieren würde - aber eben kein Tor. Die 2482 Zuschauer im Dessauer Stadion schwankten zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Schon in der dritten Minute ging es los: James Farnsworth, der flinke Engländer auf der linken Seite, zog aus 20 Metern ab - knapp drüber. "Ich dachte, das Ding geht rein, ehrlich!", grinste er nach dem Spiel, "aber vielleicht war’s zu früh für den Torjubel." Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Dessau den Kemptener Keeper Mathias Zimmermann warm schoss. Die Gäste aus dem Allgäu, von Trainer Jörg Schneider (man munkelt, er zählt Ballbesitzphasen in Sekunden) defensiv eingestellt, standen tief. Der erste und fast einzige Versuch in der ersten Halbzeit kam von Luis Kühne in der 7. Minute - ein harmloser Roller, den Dessaus junger Torwart Marko Specht eher lässig mit dem Fuß stoppte. Danach spielte nur noch Dessau. Jesus Nagel prüfte den Torwart, Detlev Heller traf das Außennetz, Werner Berndt köpfte über die Latte. Der Ball flog, aber nicht ins Tor. Trainer Kurt Weill, bekannt für seine trockenen Analysen, schüttelte an der Seitenlinie den Kopf. "Wenn wir so weitermachen, müssen wir das Tor irgendwann größer machen lassen", murmelte er Richtung Ersatzbank. In Minute 40 donnerte Volker Moser den Ball ans Außennetz - wieder Jubel, wieder Abwinken. Nach der Pause änderte sich … nichts. Dessau kombinierte, Kempten verteidigte, der Ballbesitz pendelte sich bei rund 57 Prozent für die Gastgeber ein. Werner Berndt wirbelte im Strafraum, kam mehrfach zum Abschluss - in der 50., 52. und 60. Minute - allesamt ohne Erfolg. Der aufmerksame Stadionsprecher kommentierte trocken: "Berndt nähert sich dem Tor an - geometrisch betrachtet." Kempten zeigte sich selten, aber wenn, dann hatte es Swen Haag in der 68. Minute tatsächlich auf dem Fuß - der erste gefährliche Versuch seit über einer Stunde. Specht rettete mit einer Flugeinlage, die man sonst nur aus Lehrvideos kennt. "Ich wollte auch mal was zu tun haben", lachte der 19-jährige Keeper später. Kurz zuvor hatte der Kemptener Ralf Breuer eine gelbe Karte gesehen - ein kleiner Farbtupfer in einem sonst farblosen Spiel der Gäste. Trainer Schneider verteidigte die Passivität seiner Mannschaft: "Wir wollten Dessau kommen lassen. Und das haben sie gemacht - 90 Minuten lang." In der Schlussphase brachte Weill die Jugend: Maurice Heinemann (17), Knud Döring (17) und Björn Michel (17) kamen in der 64., 66. und 68. Minute. Und siehe da - frischer Wind! Heinemann scheiterte in der 85. Minute knapp am glänzend reagierenden Zimmermann, Döring legte in der 86. Minute nach - wieder gehalten. Als Heller in der Nachspielzeit (92.) den Ball aus 25 Metern auf die Latte setzte, hielt das halbe Stadion den Atem an. "Wir haben alles richtig gemacht - außer das Tor", fasste Weill nach dem Spiel zusammen. "Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen. Sie haben gespielt, als ginge’s um die Meisterschaft. Leider auch abgeschlossen, als ginge’s um einen Malwettbewerb." Kemptens Abwehrchef Stefan Fröhlich nahm das Ergebnis mit Humor: "Wir wollten zu null spielen. Hat geklappt." Sein Trainer ergänzte: "Dessau hätte wahrscheinlich bis Mitternacht weitergespielt, ohne dass einer reingeht." So blieb es beim torlosen Remis, das in keiner Statistik die ganze Wahrheit erzählt. Dessau feuerte, Kempten blockte, und irgendwo dazwischen ging der Fußballgott ein Bier holen. Fazit des Abends: Wer Tore sehen wollte, war hier falsch - wer sehen wollte, wie man alles richtig und trotzdem kein Tor macht, bekam Anschauungsunterricht vom Feinsten. Vielleicht sollten sie in Dessau künftig das Tor treffen, statt nur die Statistik zu dominieren. Oder, wie es der junge Detlev Heller mit einem Schulterzucken formulierte: "Manchmal ist Fußball halt wie Mathe - man rechnet und rechnet, aber das Ergebnis stimmt trotzdem nicht." Ein 0:0, das lauter war als viele 3:2 - und trotzdem niemanden wirklich zufrieden machte. 29.03.643987 19:27 |
Sprücheklopfer
Jeremies hat in alter Manier um sich geschlagen.
Rainer Bonhof zu den Trainingseindrücken des während der WM 98 angeschlagenen Jens Jeremies