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Ein kalter Januarabend, Flutlicht über dem Traunsee und 29.705 Zuschauer, die hofften, dass der SV Gmunden seine Heimstärke auch gegen Retz unter Beweis stellen würde. Eine Halbzeit lang sah es danach aus - am Ende aber stand ein 1:3 auf der Anzeigetafel und viele ratlose Gesichter auf der Gmundner Bank. Dabei begann alles nach Maß: Gmunden verteidigte kompakt, lauerte auf Konter und setzte in der 41. Minute den ersten echten Stich. Nach feinem Zuspiel von Luca Delfino tauchte Tomas Kvasnak rechts im Strafraum auf und versenkte den Ball trocken im langen Eck - 1:0! Das Stadion bebte, und Trainer Paul Gloesmann brüllte Richtung Ersatzbank: "Genau so hab ich’s mir zehnmal auf der Taktiktafel gemalt!" Man glaubte ihm sofort. Bis zur Pause sah es aus, als könne Gmunden den Vorsprung halten. Retz hatte mehr Ballbesitz (am Ende 55,8 Prozent), doch die Hausherren verteidigten mit Leidenschaft - und gelegentlich mit der Gelben Karte. Bereits in der ersten Minute sah Emil Frederiksen Gelb, Gunnar Svendsen folgte in der 16. Minute. "Wir wollten gleich zeigen, dass wir da sind", erklärte Svendsen später mit einem Augenzwinkern. In der Halbzeitpause schien Retz-Coach Holger Thonke die passende Rede gefunden zu haben - vermutlich irgendwo zwischen Motivationspsychologie und Voodoo-Ritual. Denn nach dem Wiederanpfiff spielte nur noch Retz. Der Druck nahm zu, die Torschüsse häuften sich (am Ende 15:4 für die Gäste), und Gmunden kam kaum noch über die Mittellinie. In der 66. Minute war es dann soweit: Carlos Ze Castro, zuvor schon ständig auf der linken Seite unterwegs, traf nach Pass von Robert Sebo zum 1:1. Kvasnak, der Gmunder Torschütze, schüttelte enttäuscht den Kopf: "Wir standen zu tief und haben das Spiel aus der Hand gegeben." Nur neun Minuten später wurde es noch bitterer. Leopold Kona, der auffälligste Mann auf dem Platz, zog von links nach innen und schlenzte den Ball unhaltbar ins rechte Eck. Der Assist kam von Routinier Bernt Becker, der nach dem Spiel trocken meinte: "Mit 35 darf man sich ruhig mal als Jungspund fühlen, wenn so ein Ding gelingt." Gmunden versuchte zu reagieren, brachte Nils Weiss und Luís Ramos, doch viel änderte das nicht. Stattdessen folgte der unrühmliche Schlusspunkt aus Sicht der Gastgeber: In der 79. Minute flog Juan Pablo Tortosa mit Gelb-Rot vom Platz - wegen wiederholten Foulspiels. "Er hat den Ball gesucht, aber nur den Gegner gefunden", kommentierte ein Zuschauer trocken von der Tribüne. In Unterzahl war Gmunden endgültig chancenlos. Retz spielte die Partie souverän zu Ende und setzte in der Nachspielzeit noch einen drauf: Josef Bischara krönte seine starke Leistung mit dem 3:1 in der 93. Minute. Da war längst klar, dass der SV Gmunden diesen Abend lieber vergessen würde. "Wir haben das Spiel in der zweiten Halbzeit komplett aus der Hand gegeben", resümierte Trainer Gloesmann nachdenklich. "Bis zur Pause war alles unter Kontrolle, dann haben wir den Schalter nicht mehr gefunden." Sein Gegenüber Thonke dagegen strahlte: "Wir wussten, dass wir Geduld brauchen. Die Jungs haben großartig reagiert - und endlich mal die Chancen genutzt." Taktisch blieb Retz seiner offensiven Linie treu - keine Spur von Zurückhaltung, kein Pressing, aber viel Ballzirkulation und eine bemerkenswerte Ruhe im Aufbau. Gmunden hingegen, sonst für diszipliniertes Spiel bekannt, verlor nach dem Ausgleich die Kompaktheit. Die Statistik spricht Bände: 44 Prozent Ballbesitz, nur vier Schüsse aufs Tor und drei Gelbe Karten - davon eine Gelb-Rote. Als die Mannschaften nach dem Abpfiff in die Kabine gingen, applaudierte das Publikum trotzdem. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus echter Zuneigung. "Wir sind halt Gmundner", sagte ein älterer Fan mit Schal und Thermobecher. "Wir leiden stilvoll." Am Ende bleibt Retz der verdiente Sieger eines Spiels, das in der zweiten Halbzeit einseitig wurde. Für Gmunden gilt: Schön gespielt ist nicht gewonnen - und vielleicht sollte man künftig auch in der 66. Minute noch wach sein. Ein bitterer Abend am Traunsee, aber einer mit Lerneffekt. Oder, wie Kvasnak es formulierte: "Manchmal ist der Ball rund - und manchmal hat er Ecken." 22.02.643987 19:37 |
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