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Ein lauer Märzabend, Flutlicht, fast 5000 Zuschauer - und am Ende ein Spiel, das keiner so recht vergessen wird. Der SV Linx schlägt den FC Ulm mit 2:1 und beweist dabei, dass jugendlicher Mut manchmal mehr wert ist als taktische Lehrbuchweisheiten. Dabei begann der Abend alles andere als verheißungsvoll für die Gastgeber. Ulm, taktisch "balanciert", aber angriffslustig, fand besser ins Spiel. Nach 15 Minuten sah James Jones Gelb - ein frühes Zeichen, dass die Zweikämpfe mehr mit Leidenschaft als Präzision geführt werden würden. Doch dann, kurz vor der Pause, der Moment, in dem der FC Ulm das Spiel scheinbar in die richtige Spur brachte: Nick Greiner, gerade 19 Jahre alt und mit der Unbekümmertheit eines Teenagers, zog in der 44. Minute ab und traf - 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Greiner später, "und gehofft, dass keiner merkt, dass das eigentlich ein Pass werden sollte." Die Linxer Fans seufzten, Trainer Michal Dickschat drehte sich einmal um die eigene Achse und brummte etwas, das klang wie "Das wird noch lustig". Und tatsächlich - es wurde. Keine vier Minuten nach Wiederanpfiff bedankte sich Christian Stein artig für die zweite Chance des Abends. Nach Pass des 18-jährigen Dieter Wagner traf der 19-Jährige zum 1:1. "Ich war schon in der Kabine heiß", sagte Stein später, "und dann kommt so ein Zuckerpass - da musst du den einfach reinmachen." Ulm reagierte sichtbar nervös. Nevio Schneider, rechter Verteidiger und sonst eher die Ruhe selbst, kassierte in der 51. Minute Gelb. Acht Minuten später, beim Versuch, einen Konter zu stoppen, holte er sich mit übermotiviertem Einsatz die Ampelkarte ab. Zehn Ulmer auf dem Platz, und die Körpersprache sagte alles: Das wird ein langer Abend. "Wir haben es dann zu kompliziert versucht", gestand Ulms Trainer (der Name bleibt lieber ungenannt, man hört ihn noch fluchen), "aber mit zehn Mann gegen Linx, die plötzlich Flügel bekamen - das war wie gegen eine Herde aufgescheuchter Bienen zu spielen." Was er meinte, zeigte sich in Minute 69. Wieder war Wagner auf links unterwegs, wieder ein präziser Pass, diesmal auf den aufrückenden Linksverteidiger Morgan Shepherd. Der Engländer, sonst eher für Grätschen als für Glanz zuständig, nahm den Ball direkt - 2:1. Stadion in Ekstase, Shepherd mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der selbst nicht ganz weiß, wie das passiert ist. "Da hab ich einfach mal mein Glück probiert", lachte er später. "Und siehe da - das Tor war wohl auch überrascht." Ulm versuchte danach, mit Ballbesitz (am Ende 52 Prozent) das Spiel zu kontrollieren, aber Linx verteidigte clever. Elf Torschüsse der Gastgeber gegen sieben der Gäste sprechen eine deutliche Sprache. Und immer, wenn es gefährlich wurde, stand da noch Torwart Oscar Haase, der mit der Ruhe eines Mannes hielt, der gerade seinen Garten gießt. In der 89. Minute versuchte Greiner noch einmal, das Spiel zu retten - doch sein Schuss landete in den Armen von Haase. Danach nur noch Frust: eine späte Gelbe für Greiner, ein resignierter Blick in Richtung Schiedsrichter. "Wir haben uns selbst geschlagen", murrte Ulms Kapitän Daniel Staunton nach dem Spiel. "Erst treffen wir, dann verlieren wir den Kopf. Linx hat’s uns gezeigt, wie man kämpft." Trainer Dickschat dagegen gönnte sich ein Lächeln und vielleicht innerlich ein Bier: "Ich hab den Jungs gesagt, wir müssen einfach weiterspielen. Und sie haben’s gemacht - sogar schöner, als ich gehofft hatte." Bei den Fans klang das ähnlich, wenn auch weniger analytisch. Ein älterer Herr im SV-Linx-Schal brachte es auf den Punkt: "Da hat der Fußball noch Herz!" Am Ende also 2:1 für Linx, mit allen Zutaten für eine gute Geschichte: jugendliche Helden, ein Platzverweis, ein kurioses Siegertor und fast 5000 Zeugen, die sich morgen gegenseitig erzählen werden, sie hätten den Moment kommen sehen. Und Ulm? Wird sich wohl fragen, wie man ein Spiel verlieren kann, in dem man mehr vom Ball hatte. Antwort: Ganz einfach - wenn der Gegner mehr vom Glauben hat. Ein Abend, der zeigt: Statistik ist schön, aber Tore schießen immer noch Menschen. Und manchmal auch Außenverteidiger. 16.12.643993 04:08 |
Sprücheklopfer
Meine Unbekümmertheit wandelte sich in kontollierte Spontaneität.
Mehmet Scholl