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Es war ein kalter Februarabend in Kassel, aber die 4462 Zuschauer im Auestadion wurden schnell warm - wenn auch nicht unbedingt vor Freude. Der SV Linx, angereist mit dem Charme einer Mannschaft, die nichts zu verlieren hat, zeigte dem KSV Kassel eindrucksvoll, was Effizienz bedeutet. Drei Tore, 17 Torschüsse, und ein Spiel, das für die Gastgeber nach 28 Minuten praktisch vorbei war. Schon die erste Viertelstunde deutete an, dass die Linxer nicht gekommen waren, um den Ballbesitz der Kasseler zu bewundern. In der 10. Minute war es der 33-jährige Routinier Bernt Kühne, der nach einem verunglückten Klärungsversuch der Kasseler Defensive trocken abzog und zum 0:1 traf. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Kühne später in der Mixed Zone, "aber der Ball hat wohl andere Pläne gehabt." Kassel versuchte zu reagieren, hatte mit Hans Böhme (12. und 14. Minute) durchaus gefährliche Abschlüsse, doch SVL-Keeper Oscar Haase war an diesem Abend ein Fels in der Brandung - und das, obwohl er nach eigenen Worten "noch halb im Bus geschlafen" hatte. In der 28. Minute fiel dann der zweite Nadelstich: Johannes Urban, Linxer Linksaußen mit der Dynamik eines Espresso-Doppels, nutzte einen schönen Pass von Youngster Andreas Menzel und schob zum 0:2 ein. Kassel-Trainer - dessen Name an diesem Abend lieber ungenannt bleiben will - warf dazu die Arme in die Luft, als wolle er sagen: "Wer soll das verteidigen?" Bis zur Pause hatten die Gastgeber zwar mehr Ballbesitz (52 Prozent), aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Linx mit jedem Vorstoß gefährlicher wirkte. "Wir haben den Ball, sie die Tore - das ist ja auch eine Art von Balance", murmelte ein Kassel-Fan auf der Tribüne, während er sich ein weiteres Bier gönnte. Die zweite Halbzeit begann mit einer optischen Kasseler Überlegenheit, aber spätestens nach der 60. Minute war klar: Linx verwaltete souverän. Trainer Michal Dickschat hatte sein Team perfekt eingestellt, ließ ruhig kombinieren und wechselte klug. Als er in der 74. Minute den jungen Detlev Miller brachte, hatte das mehr etwas von einer Belohnung für Disziplin als von taktischer Notwendigkeit. Das 0:3 in der 84. Minute war dann sinnbildlich für den Abend: Christian Stein, 18 Jahre jung, nahm eine Kopfballverlängerung von Innenverteidiger Bernt Prinz auf und schoss trocken ins linke Eck. "Ich hab gar nicht geschaut, ehrlich", sagte Stein später lachend. "Ich hab einfach gehofft, dass keiner schreit." Niemand schrie - außer die mitgereisten Linx-Fans, die sich bereits in Feierlaune befanden. Kassel probierte es bis zum Schluss, kam durch Aldo Morelli (72.) und Theo Greenwald (52.) zu zwei ordentlichen Chancen, aber das Tor blieb wie vernagelt. Linx dagegen hätte sogar noch erhöhen können, doch Kühne (85.) und Urban (88.) scheiterten an der eigenen Gier. Zwei Gelbe Karten - eine für Prinz (87.), eine für Kühne (94.) - waren das einzige, was den Gästen an diesem Abend an Negativem widerfuhr. Dickschat nahm’s gelassen: "Wenn man dreimal trifft, darf man sich auch mal beschweren. Aber bitte nach dem Spiel." Statistisch gesehen war das Ergebnis fast brutal ehrlich: 17 zu 6 Torschüsse für Linx, 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe, aber weniger Ballbesitz. Kassel hatte zwar mehr vom Spiel - Linx aber das Spiel. Nach Abpfiff blieb es still im Stadion. Nur ein paar Kinder riefen: "Kopf hoch, KSV!" - doch selbst das klang mehr nach Trost als nach Aufmunterung. Franco Rosso, Kassels Torhüter, fasste es am besten zusammen: "Wenn die vorne machen und wir hinten gucken, kannst du auch 90 Prozent Ballbesitz haben - bringt halt nix." So fährt der SV Linx mit breiter Brust und drei Punkten nach Hause, während Kassel nach zwei Spieltagen noch auf den ersten Sieg wartet. Vielleicht hilft ein freier Sonntag. Vielleicht auch ein Gebet an die Torgöttin. Denn eines ist sicher: An diesem Abend hatte sie ein Linx-Trikot an. Und wer weiß - vielleicht war das 0:3 ja der Weckruf, den Kassel gebraucht hat. Wenn nicht, dann wenigstens ein ordentliches Donnerwetter zur Halbzeitpause. 10.06.643990 11:47 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler