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Ein Flutlichtspiel, wie es im Lehrbuch steht - zumindest, wenn man das Lehrbuch "Chaos mit Happy End" aufschlägt. Vor 10.396 lautstarken Zuschauern drehte der SV Weiersbach am 19. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) ein bereits verlorenes Match gegen Weiler im Allgäu mit 2:1. In der Hauptrolle: ein 17-jähriger Nachwuchsspieler, der in der 75. Minute das Stadion in einen Hexenkessel verwandelte. Dabei hatte alles so gar nicht nach Weiersbacher Jubel ausgesehen. Weiler begann forsch, offensiv, fast übermütig. Trainer Mino Raiola - ja, der Mino Raiola, der sonst eher mit Millionen-Transfers als mit Mittelstürmern der 3. Liga Schlagzeilen macht - hatte sein Team von der Leine gelassen. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Käse und Kühe können", grinste er später, halb zufrieden, halb frustriert. Und tatsächlich: Nach einer halben Stunde zappelte der Ball im Netz der Hausherren. Linus Berger, der 30-jährige Linksaußen mit der Ruhe eines Steuerberaters und dem linken Fuß eines Poeten, nutzte eine flache Hereingabe von Dimas Allegri zum 0:1. Da sah die Weiersbacher Hintermannschaft kurzzeitig aus, als hätte sie vergessen, dass Verteidigen zum Beruf gehört. Doch die Antwort folgte pünktlich zum Pausenpfiff. Jaime Galva, der flinke Rechtsaußen, rauschte in der 45. Minute in den Strafraum, nachdem Stavros Goumas ihm den Ball in den Lauf gelegt hatte, und drosch das Leder humorlos in den rechten Winkel - 1:1! "Ich dachte erst, der Schiri pfeift ab", gab Galva später zu. "Aber dann war der Ball drin - und der Trainer hat mich fast umarmt." Trainer Detlef Meister kommentierte das Tor mit trockenem Humor: "Ich habe mich gefreut, aber Umarmungen heben wir uns für die Meisterfeier auf." Dass er dabei lachte, war das erste Mal an diesem Abend, dass er seine sonst so stoische Miene verlor. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte: ausgeglichen. Beide Teams feuerten aus allen Lagen - 13 Torschüsse pro Seite, eine Statistik, die sich liest wie ein Waffenstillstand mit Pyrotechnik. Weiler blieb gefährlich, vor allem durch den agilen Jannick Fritsch, der in der 62., 64. und 74. Minute gleich dreimal an Torhüter Dirck Van Keuren scheiterte. Der Weiersbacher Keeper schien an diesem Abend den Magneten im Handschuh eingeschaltet zu haben. Dann kam die 75. Minute. Xabier Adao, der rechte Verteidiger mit dem unerschütterlichen Glauben an den Flachpass, schickte den jungen Stephane Schulte in die Tiefe. Der 17-Jährige nahm den Ball elegant mit, hob kurz den Kopf - und schlenzte ihn mit traumwandlerischer Sicherheit ins lange Eck. 2:1. Stadion, Explosion, Ekstase. Die Ersatzbank stürmte das Feld, Trainer Meister suchte vergeblich nach seiner Brille, und Schulte selbst verschwand fast unter einem Berg jubelnder Mitspieler. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte der Teenager später mit einem Grinsen, das so breit war wie das Spielfeld. "Und dann war er halt drin." So simpel kann Fußball sein. In den letzten Minuten wurde es noch einmal wild. Harvey MacAulay sah in der 87. Minute Gelb, weil er versuchte, gleichzeitig Ball, Gegner und Eckfahne zu treffen. Und Schulte selbst fing sich in der Nachspielzeit ebenfalls eine Gelbe ein - vermutlich, weil man irgendwann auch für Übermotivation bestraft wird. "Er hat eben noch Adrenalin im Blut", verteidigte ihn Trainer Meister. "Wenn man mit 17 das Siegtor schießt, darf man kurz den Hulk machen." Weiler versuchte in der Schlussphase alles - drei Wechsel in der 60. Minute, frische Beine, frische Köpfe, aber kein frisches Glück. Torwart Robert Schöne kam für den jungen Hanns Peter, doch auch er konnte das Unvermeidliche nicht mehr ändern. Am Ende stand ein 2:1 auf der Anzeigetafel, das Weiersbachs Aufstiegsträume weiter nährt. 54 Prozent Ballbesitz, eine hauchdünn bessere Zweikampfquote und ein Teenager mit Torinstinkt - das sind die Zutaten, aus denen man euphorische Montagmorgen macht. "Wir haben Charakter gezeigt", bilanzierte Meister in der Pressekonferenz. "Und manchmal reicht das, wenn man jung, mutig und ein bisschen verrückt ist." Raiola dagegen schüttelte nur den Kopf. "Wir haben gut gespielt, aber am Ende trifft ein Schüler aus 20 Metern. Vielleicht sollte ich ihn mal anrufen." Ein faires, spannendes, leicht chaotisches Spiel also - genau das, was die 3. Liga so liebenswert macht. Und irgendwo in Weiersbach hängt jetzt wahrscheinlich ein 17-Jähriger sein erstes Trikot zum Trocknen auf - mit einem Fleck Gras, der nach Fußballgeschichte riecht. 16.01.644000 09:23 |
Sprücheklopfer
Geld schießt keine Tore.
Otto Rehhagel